Diakonische Arbeitsgemeinschaft evangelischer Kirchen in der DDR

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Von Pastor Rolf Dammann, Berlin, Generalsekretär i. R. des BEFG in der DDR Vorsitzender 1973 - 1989

Es war vermutlich im April 1961, jedenfalls vor dem Bau der Berliner Mauer. Anlässlich  einer Diakonietagung in West-Berlin saß ich mit meinem Kolle­gen Karl Reichardt zusammen. Als Bundesdirektor des Bundes Evangelisch­-Freikirchlicher Gemeinden mit Sitz in Bad Homburg war er für die Vertre­tung des Bundes gegenüber dem Diakonischen Werk verantwortlich. Zu uns gesellte sich an den Tisch der Direktor im Diakonischen Werk der EKD und spätere Vizepräsident Ludwig Geißel aus Stuttgart. Das war mein erster offi­zieller Kontakt mit einem verantwortlichen Vertreter des Diakonischen Werkes. Unsere Interessen, das gilt sicherlich auch für die anderen Freikir­chen in der DDR, wurden wohl weitgehend durch die Leitungen und ihre Beauftragten in der BRD wahrgenommen.

Nach dem 13. August 1961 zeigte sich mehr und mehr, dass die bisherige Arbeitsweise nicht mehr möglich war und bei allem beiderseitigen Willen des Zusammenhaltens eine eigenständige Arbeit nötig wurde. Die „Diako­nische Arbeitsgemeinschaft evange­lischer Kirchen in Deutschland“ wurde 1957 gebildet und hatte als Mitglieder „Das diakonische Werk“ und die „Vereinigung Evangelischer Freikirchen in Deutschland“. So bot es sich an, dass die nunmehr für das Gebiet der DDR eigenständige Ver­einigung den Kontakt zu der Dienststelle „Innere Mission und Hilfs­werk“ in Ost-Berlin suchte. Pastor Johannes Thomas, der Direktor des methodistischen Diakoniewerkes, schrieb am 20. Dezember 1963 an die Mitglieder des Freikirchenrates der Evangelischen Freikirchen in der  DDR: „Am Donnerstag dem 12. Dezember 1963 war ich zum ersten Mal zu einer Sitzung der Geschäftsführer der Inneren Missi­on eingeladen. Von Kirchenrat Direktor Laudien wurde ich vorgestellt als der Vertreter der Evangelischen Freikirchen in der DDR und es wurde auch der Name von Br. Dammann genannt als Stellvertreter. Unsere Vertretung im Geschäftsführerausschuss ist also nunmehr offiziell."

Als Direktor Thomas 1972 in den Ruhestand ging, empfahl der Nachfolger von Kirchenrat Laudien Oberkirchenrat Dr. Bosinski, das Verhältnis zwischen den Freikirchen und dem Diakonischen Werk neu zu ordnen. Es lag ihm zugleich daran, dass es dabei auch zu einer Regelung mit den nicht zur Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) gehörenden Freikirchen kom­men möge. Bei der ersten Begegnung, zu der die VEF eingeladen hatte, stellte sich heraus, dass die Beziehungen der anderen Freikirchen zum Diakonischen Werk sehr unterschiedlich waren, so dass sogar die Sorge bestand, dass es zu einer Einschränkung im Hinblick auf bisherige Zuwendungen kom­men könnte. Es zeigte sich z. B., dass es für die Berücksichtigung bei Tank­kreditscheinen keinen einheitlichen, etwa auf der Zahl der Mitglieder in den einzelnen Freikirchen basierenden Schlüssel gab. Trotzdem kam es am 5. April 1973 zur konstituierenden Sitzung der Diakonischen Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Freikirchen in der Deutschen Demokratischen Republik (DAGEF). Ihr gehörten an die Mitgliedskirchen der VEF: Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, Bund Freier evangelischer Gemein­den und Evangelisch-methodistische Kirche. Weiterhin die Mennoniten­gemeinden sowie die Vereinigung selbständiger evangelisch-lutherischer Kirchen (Evangelisch-lutherische (altlutherische) Kirche und Evangelisch­-Lutherische Freikirche). Der Gemeindeverband der altkatholischen Kirche hatte einen Gaststatus, weil er über keine besondere diakonische Arbeit ver­fügte. Die Evangelische Brüder-Unität - Distrikt Herrnhut - wollte nicht Mitglied der DAGEF werden, da sie bereits in den einzelnen Gremien des Diakonischen Werkes vertreten und dem Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR angegliedert war und auch engen Kontakt zu den landeskirchlichen Ämtern bzw. Werken pflegte. Weiterhin erklärte die Evangelisch-lutherische (altluth.) Kirche, dass das zu ihr gehörende Krankenhaus Naemi-Wilke-Stift in Wilhelm-Pieck-Stadt Guben von der Vertretung durch die DAGEF ausge­nommen wird, da es bereits im Landesverband der Evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg verankert sei.

Es wurde eigentlich nicht von einer Konstituierung der DAGEF gesprochen, sondern davon, dass die genannten Freikirchen eine Zusammenarbeit hinsichtlich ihrer diakonischen Aufgaben vereinbaren. Es sollte so die Meldung einer neuen Vereinigung bei staatlichen Stellen vermieden werden. Geschäftsführer der DAGEF wurde Pastor Gerhard Solbrig, Direktor des evangelisch-methodistischen Diakoniewerkes. Er blieb es bis zum Zusammenschluss beider Arbeitsgemeinschaften 1992. Vorsitzender wurde Pastor Rolf Dammann, Generalsekretär des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden. Sein Amtsnachfolger Pastor Ulrich Materne übernahm 1989 auch den Vorsitz in der DAGEF.

Die DAGEF unterschied sich wesentlich von der Diakonischen Arbeitsgemeinschaft evangelischer Kirchen in Deutschland, weil sie keine eigene juri­stische Person war. Das Diakonische Werk war nicht Mitglied. Der Direktor des Werkes nahm mit beratender Stimme an den Mitgliederversammlungen teil. Die DAGEF wurde einem Landesverband gleichgestellt. In der Ordnung des Diakonischen Werkes, das die diakonische Arbeit mit den Freikirchen zu koordinieren hatte, wurde dann festgelegt, dass die DAGEF ihre Vertreter für die einzelnen Gremien wie Hauptversammlung, Hauptausschuss, Geschäftsführerkonferenz zu benennen habe. Es entfiel dadurch die manchmal peinliche Sorge, ob Vertreter von Freikirchen, die oft als Kandidaten nicht so bekannt waren, bei Wahlen die erforderlichen Stimmen erhielten. So war jetzt die Zusammenarbeit der Landes- und Freikirchen im Diakonischen Werk der evangelischen Kirchen - die Freikirchen haben auf diesen Plural „Kirchen“ immer großen Werk gelegt - geregelt. Wie erfreulich Ordnungen und Vereinbarungen in die Tat umgesetzt wurden, sollen die weiteren Aus­führungen zeigen.

Die DAGEF bzw. die von ihr vertretenen Einrichtungen partizipierten an den meisten Programmen des Diakonischen Werkes. Eine lückenlose Aufzäh­lung ist nicht möglich. Einige besondere Hilfen seien genannt: Bau von Fer­tighäusern, Schwerpunktmittel und Zuwendungen aus dem Kirchlich-dia­konischen Wiederaufbau, Lieferung von Anstaltsbedarf und Baumaterial, Medizintechnik, Medikamente sowie andere finanzielle Hilfen. Ebenso wertvoll waren die Beratungen in Rechts- und Fachfragen und in Baufragen einschließlich Projektierungen. Geschätzt waren die Informationen - auch zur allgemeinen kirchlichen Lage - auf den Geschäftsführerkonferenzen oder durch den Direktor bzw. seinen Vertreter bei den Mitgliederversammlungen der DAGEF und der zweijährlichen Konferenz der VEF. - Dankbar war man für das vielfältige Angebot von Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten sowie besonderen Fachtagungen. Auch die Besorgung der Genehmigungen von Einfuhranträgen ist zu nennen und die Beschaffung von Traubensaft für Abendmahlsfeiern und der Empfang von Literatur.

Selbstverständlich wollte die DAGEF nicht nur Nutznießer sein. Damit ist nicht in erster Linie der erwartete Jahresbeitrag von einhundert Mark gemeint, der nur symbolisch gesehen werden kann, und auch nicht die seit 1978 jährlich gezahlte freiwillige Zuwendung der VEF von 10 000 M. Vom Bund der Evangelischen Kirchen konnte das Diakonische Werk eine jährli­che Zuwendung erwarten. Die VEF wollte nicht nachstehen.

Die DAGEF wurde um Mitarbeit in verschiedenen Ausschüssen gebeten und ist dieser Bitte nach Möglichkeit nachgekommen, z. B. im Beirat des Diako­nischen Qualifizierungszentrums oder im Beirat für ambulante Arbeit an Körperbehinderten.

Vor allem haben sich die zur DAGEF gehörenden Freikirchen - wenn auch nicht immer geschlossen - an den Spendenprogrammen beteiligt, besonders an der Aktion "Brot für die Welt". Weil die Freikirchen zunächst direkt mit den Landesverbänden und erst ab 1963 geschlossen abgerechnet haben, lässt sich die genaue Höhe nur schwer ermitteln. Das Aufkommen seitens der Freikirchen wird bis zur Währungsumstellung (1. Juli 1990) etwa 11 266 000 M/DDR betragen haben. Im Vergleich zu den Landeskirchen, gemessen an den Mitgliederzahlen, war das Aufkommen verhältnismäßig hoch. Es lag in manchen Jahren bei ca. 8 % des Gesamtaufkommens in der DDR. Im Verteilerausschuss war die VEF vertreten.

Die DAGEF beteiligte sich an einem Sonderopfer anlässlich des Erdbebens 1977 in Rumänien mit 150 000 M und an der Sammlung für das Kinderkrankenhaus in Warschau mit 145 000 M (ohne Vselk). An dem Programm zur Bekämpfung des Rassismus beteiligten sich nur der Bund Evangelisch-­Freikirchlicher Gemeinden und die Evangelisch-methodistische Kirche mit ca. 127 000 M. Natürlich gab es innerhalb der Freikirchen auch Bedenken hinsichtlich des Programms. Die Entscheidung fiel insofern leichter, weil infolge der nicht-konvertierbaren DDR-Währung nur Sachspenden möglich waren, so z. B. Hebammenkoffer und Schulmaterial. Im übrigen sahen die Freikirchen, die bis zum Kriegsende stark in der Außenmission engagiert waren, bei dieser und anderen Sammlungen eine Möglichkeit, einmal über die Grenzen der DDR hinaus Hilfe leisten zu können.

Am Kirchlich-diakonischen Wiederaufbau beteiligten sich ebenfalls einzel­ne Freikirchen, rechneten aber nicht über die DAGEF ab.

Wenn davon geschrieben werden soll, wie erfreulich Ordnungen und Vereinbarungen in die Tat umgesetzt wurden, so müssen auch die Besuchs- und Informationsreisen erwähnt werden. Die Präsidenten des Diakonischen Werkes in Stuttgart, ihre leitenden Mitarbeiter und die Geschäftsführer der Diakonischen Arbeitsgemeinschaft evangelischer Kirchen und ebenso die Direktoren Oberkirchenrat Dr. Bosinski und Oberkirchenrat Dr. Petzold des Diakonischen Werkes in der DDR und ihre leitenden Mitarbeiter waren immer wieder bemüht, die Einrichtungen kennenzulernen und mit ihren Leitern und den Mitarbeitern zu sprechen. So konnte an Freuden, Sorgen und Nöten Anteil gegeben und genommen werden. Es war wohl zugleich inter­essant und hilfreich, dass die Besuchten einen Blick über den Zaun der eigenen Einrichtungen aber auch unseres Landes werfen konnten.

Die Wende 1989, die Währungsunion 1990 und die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten 1991 stellten bei allem frohmachenden und dank­baren Erleben die DAGEF mit ihren Mitgliedskirchen und Einrichtungen vor neue Herausforderungen und Entscheidungen. „Es. rechnet sich nicht“ wurde zu einem traurig-geflügelten Wort. Kleine Einrichtungen mussten des­halb aufgegeben werden. Manche entsprachen nicht mehr dem nun erforder­lichen Standard. Vielleicht musste man bei anderen sagen, sie entsprachen nicht dem nun erwarteten Komfort im Vergleich zu westlichen Einrichtun­gen.

Andererseits ergaben sich ganz neue Möglichkeiten. Längst vorgesehene Modernisierungen und Erweiterungen konnten jetzt realisiert werden. Sie waren bisher nicht möglich, weil die Genehmigungen versagt wurden, manchmal mit einer Vertröstung auf  spätere Jahre. Dafür ging es aber viel schärfer um die Beschaffung finanzieller Mittel und um die Erfahrungen mit einem ganz anderen Behördenapparat.

Sehr bald kam es zu neuen Arbeiten, die bisher nicht möglich waren. Mit erfreulicher Unterstützung aus dem Westen konnten Diakonie- oder Sozialstationen gegründet und aufgebaut werden. Auch Beratungsstellen für Ehe-, Familien-, Erziehungs- und Lebensfragen konnten eingerichtet werden, Ein­richtungen für Abhängigenhilfe oder Frauen- und Kinderschutzhäuser. Mitarbeiter, die in früheren Jahren an Lehrgängen verschiedener Art, durchgeführt vom Diakonischen Werk, teilgenommen hatten und über eine entsprechende Qualifikation verfügten, kamen jetzt zu vollem Einsatz.

Am 23. November 1990 fand die erste gemeinsame Vorstandssitzung der beiden Diakonischen Arbeitsgemeinschaften statt. Der Wunsch nach einem baldigen Zusammenschluss beider Arbeitsgemeinschaften wurde deutlich. Die unterschiedlichen Strukturen mussten in Einklang gebracht werden. Im wesentlichen wurde vereinbart, dass es künftig nach der westlichen Struktur die Diakonische Arbeitsgemeinschaft evangelischer Kirchen geben soll, in der auch das Diakonische Werk der EKD Mitglied ist, anders als in der DAGEF, zu der nur die Freikirchen gehörten. Aus der Ordnung der DAGEF wurde übernommen, dass jedes Mitglied künftig zwei Vertreter in die Mit­gliederversammlung der neu zu bildenden Arbeitsgemeinschaft entsendet. Am 30. Januar 1991 fand die letzte Mitgliederversammlung der DAGEF statt. Im Protokoll ist festgehalten: „Die Diakonische Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Freikirchen (ehemals DDR) empfiehlt ihren Mitgliedskirchen, dem Zusammenschluss beider Diakonischen Arbeitsgemeinschaften zuzu­stimmen. Dieser Zusammenschluss ist am 13.06.1991 in Berlin beabsich­tigt.“

Bei einem Rückblick, der immer lückenhaft sein wird und Schwerpunkte setzt, wird der einzelne gewiss zu unterschiedlichen Feststellungen kommen, je nach Kenntnis, Erfahrung oder Mitarbeit. Ich wünschte, dass alle Beteilig­ten zum Schluss ein gutes Miteinander bezeugen könnten, bei dem es zu einem gegenseitigen Nehmen und Geben kam. Ein Miteinander der Freikir­chen innerhalb der DAGEF, ein Miteinander der Freikirchen mit dem Diakonischen Werk in der DDR, ein Miteinander der beiden Arbeitsgemein­schaften in West und Ost. Das wäre eine gute Feststellung, wenn der Gruß unter vielen Briefen in der Vergangenheit auch weiterhin unterstrichen wer­den könnte: „In der Verbundenheit des Glaubens und des Dienstes“.

Aus: 1957-1997. 40 Jahre Diakonische Arbeitsgemeinschaft evangelischer Kirchen. Hrsg. Diakonische Arbeitsgemeinschaft evangelischer Kirchen. Stuttgart, 1997. Seite 46-51.