Bedeutung der Freikirchen für Brot für die Welt

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Von Dr. Hans-Otto Hahn, Stuttgart, Direktor von "Brot für die Welt" (1969-1999)

Statistische Informationen und ihre Implikationen

Eine eher unscheinbare Statistik informiert im jährlichen Rechenschafts­bericht von „Brot für die Welt“ knapp und zutreffend über die Bedeutung der evangelischen Kirchen in Deutschland, die diese Aktion ökumenischer Diakonie unterstützen. Auf die Freikirchen mag sie recht ernüchternd wirken, weil diese deutlich als Minderheit im kirchlichen Spektrum erkennbar wer­den. Da werden die 24 Landeskirchen, die der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) angehören, zusammengefasst und den Freikirchen gegenübergestellt. Hier werden nur acht Kirchen genannt, die in der Diako­nischen Arbeitsgemeinschaft evangelischer Kirchen zusammengeschlossen sind. Sie begeht in diesem Jahr ihr 40. Jubiläum.

„Brot für die Welt“ muss in seiner Arbeit mit diesen Unterschieden umge­hen. Die Landeskirchen zählen rund 28 Millionen Kirchglieder. Die Partner aus den Freikirchen haben nur 250.000 Gemeindeglieder. Im Blick auf das Spendenaufkommen ist in den Gesamtbeträgen der Unterschied nicht weniger gravierend. Hier stehen bei der 37. Aktion DM 115 Millionen den DM 4,5 Millionen Gaben aus den Freikirchen gegenüber. Ist damit nicht zwangsläufig das Problem von Majorität und Minorität aufgewor­fen? Hat das nicht zur Folge, dass die Freikirchen ihr Selbstbewusstsein als wichtiger und notwendiger Part­ner in der ökumenischen Diakonie Deutschlands verlieren?

Bei einem solchen statistischen Ver­gleich dürften die Freikirchen die geringeren Schwierigkeiten bei den Gaben für „Brot für die Welt“ haben. Denn hier liegt das durch­schnittliche Spendenergebnis pro Gemeindeglied sehr viel höher als bei den volkskirchlich strukturier­ten Landeskirchen. Anders dürfte es bei der Zahl der Kirchglieder sein.

Sie weisen sie deutlich als Minderheitenkirchen in Deutschland aus. Und dies lässt sie fragen, ob das nicht ihre Bedeutung für die ökumenische Diako­nie mindert.

Diese Implikationen statistischer Informationen sind nicht zu leugnen und sollten deshalb aus Anlass eines Jubiläums wahrgenommen und angesprochen werden. Dabei sind auch andere Aspekte als groß - klein, viel - wenig zu bedenken. Denn jenseits der deutschen und europäischen Grenzen und vor allem in der Dritten Welt gehören die Freikirchen zu großen und in der Öku­mene bedeutsamen Kirchenfamilien.

Am Beispiel von zwei typischen Freikirchen, die ihre Ursprünge in England haben, wird das erkennbar:

1. Die 85.000 Christen im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland (Baptisten) sind eingebunden in eine Glaubensgemeinschaft in 130 Ländern, die mit 37 Millionen Gliedern zum "Baptistischen Weltbund" gehört.

2.  Für die Evangelisch-methodistische Kirche mit bei uns 45.000 Kirchgliedem lautet die Vergleichszahl 50 Millionen Mitglieder im „Weltrat methodistischer Kirchen“ und weltweit 90 Mitgliedskirchen.

Auch für die aus theologischem Protest entstandenen beiden Konfessionskirchen, die der Diakonischen Arbeitsgemeinschaft angehören, gilt ähnliches:

  • Die Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche (SELK) mit 40.000 Kirchgliedern gehört zum „Internationalen Lutherischen Rat“ (ILC) mit vier Millionen Christen in 27 Ländern.
  • Die Alt-Katholische Kirche mit ihren 25.000 Mitgliedern in Europa und Nordamerika, die 250.000 Christen in ihren Gemeinden zählt und in kirchlicher Beziehung zur anglikanischen Gemeinschaft steht.

Freikirchen - wichtige und notwendige Partner der ökumenischen Diakonie

Die diakonische Zusammenarbeit zwischen Freikirchen und Landeskirchen in Deutschland existierte früher wegen ungelöster zwischenkirchlicher Pro­bleme so gut wie nicht. Erst im durch Krieg zerstörten und hungernden Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg begann man mit gemeinsamer Nothilfe und Hungerbekämpfung. Impulse dazu gaben die Hilfssendungen der Christen aus den verschiedenen Kirchen Nordamerikas und anderer Län­der. Diese Partnerschaft setzte sich fort in der gemeinsamen Hilfe für die Christen und Kirchen in der ehemaligen DDR, die ohne sie im sozialisti­schen Osten noch geringere Überlebenschancen gehabt hätten. Durch die Arbeit an gemeinsamen Aufgaben wurden ökumenische Brücken in der Dia­konie geschlagen, die manche Wunden aus früheren zwischenkirchlichen Verletzungen leichter heilen ließen.

Das Fundament des Vertrauens für eine gemeinsame diakonische Arbeit in der Dritten Welt war damit gelegt. Die Freikirchen wurden „Brot für die Welt“ - Partner der ersten Stunde. Durch die vielen überseeischen Verbindun­gen der Freikirchen bildete sich zusammen mit den Landeskirchen ein dich­tes kirchliches Partnernetz, in das letztere ihre Beziehungen zu den Missionskirchen einbrachten. Die Hilfe zur Selbsthilfe bei der Armutsbekämpfung und der Gestaltung einer wirtschaftlich und sozial gerechteren Welt für die Elenden und Unterdrückten (vgl. „Den Armen Gerechtigkeit“ ­Grundsatzerklärung von „Brot für die Welt“) hatte damit verlässliche Partner vor Ort. Bei den Projekten und ihrer Durchführung ergänzten sich die Frei­kirchen und Landeskirchen, weil sie beide dem ganzen Menschen nach Leib und Seele helfen wollten.

Die Einheit von Leibsorge und Seelsorge ist ein Proprium freikirchlicher ökumenischer Diakonie. Die konkrete wirtschaftliche und gesundheitliche Fürsorge ist in ihr immer verbunden mit der Verkündigung des Evangeliums Jesu Christi als Ruf zum Glauben. Diese Haltung macht die Freikirchen zu wichtigen und notwendigen Partnern von „Brot für die Welt“. Durch ihren so bestimmten Einsatz helfen die Freikirchen mit, das Profil christlicher Diakonie zu stärken, damit es unterscheidbar bleibt von einer aus anderen Quellen gespeisten humanitären Sozialarbeit. Trotz vorhandenen Wider­stands in den eigenen Reihen tragen sie Aktionen zur Stärkung der Men­schenrechte mit, weil sie die Komplexität von Notlagen erkannt haben, denen nicht allein durch einen karitativen Ansatz in der Diakonie zu begeg­nen ist.

Kritisch werden manchmal in den Freikirchen auch Anträge und Aktionen beurteilt, durch die direkt oder indirekt Vertreter und Werke nichtchristli­cher Religionen gefördert werden sollen. Die Freikirchen möchten nicht in Anspruch genommen werden für Aktionen, deren Bewilligung dazu führen könnte, dass andere Menschen ausgegrenzt werden oder die Integration verhindert wird. Ihr eigener Minderheitenstatus im kirchlichen Spektrum macht sie dafür besonders sensibel. Diakonie braucht einen breiten Grund­konsens für ihre Hilfe bei der Entwicklungsarbeit in der Dritten Welt, der nicht gefährdet werden sollte.

Finanzielle und personelle Mitverantwortung

Bei „Brot für die Welt“ gehört das Spendenaufkommen der Freikirchen zu den ganz positiven Erfahrungen der Zusammenarbeit. Das auch sonst in ihnen eingeübte freiwillige Opfer trägt in der ökumenischen Diakonie schö­ne Früchte. Dabei fällt nicht die Gesamtsumme der Gaben für die Dritte Welt ins Auge. Vergleichsweise ist sie eher unauffällig. Sobald jedoch die Spendenbeträge prozentual auf das einzelne Kirchengemeindemitglied umgerechnet werden, tritt Erstaunliches zutage.

Beträgt in den EKD-Kirchen der Durchschnitt etwas mehr als DM 4,-, so weisen die Freikirchen im Schnitt der beiden letzten Aktionsjahre DM 18,- ­pro Gemeindeglied aus. Fast unglaublich mutet im Vergleich der Durch­schnitt des Spitzenreiters unter den Freikirchen an. In der Evangelisch-­methodistischen Kirche entfällt auf jedes Kirchengemeindeglied ein jährli­cher Spendenbetrag von DM 55,-. Hier und in allen anderen Freikirchen ist der Einsatz spürbar, mit dem die Anliegen von „Brot für die Welt“ in den Gemeinden vertreten werden. Den Gemeindepfarrerinnen und -pfarrern und den verantwortlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gebührt dafür höchste Anerkennung.

Die Hilfs- und Entwicklungsarbeit von „Brot für die Welt“ ist in den Kirchen der Diakonischen Arbeitsgemeinschaft auf der Ebene innerkirchlicher Organisationsstrukturen fest mit der anderen kirchlichen Arbeit verzahnt. Dadurch wurden Gemeindeglieder motiviert, sich für die Arbeit im Stab von „Brot für die Welt“ zur Verfügung zu stellen, in dem sie zu wichtigen Mitarbeitern geworden sind (Baptisten, Herrnhuter, Mennoniten und Methodi­sten). Seit Jahren wird aber auch den Freikirchen ein Kontingent von vier Vertretern im Ausschuss für Ökumenische Diakonie (AÖD) eingeräumt. Die Nominierungen dafür werden von allen Mitgliedern der Diakonischen Arbeitsgemeinschaft mitgetragen. Fester Brauch ist es, dass die Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft ebenfalls als Berater oder Mitglieder dem AÖD angehören, sind sie es doch, die mit dafür Sorge tragen, dass die Arbeit von „Brot für die Welt“ fester Bestandteil ihrer gesamten diakonischen Tätigkeit ist.

Die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen den Freikirchen und „Brot für die Welt“ hat sich von Anfang an in der Leitung des AÖD manifestiert. Bis 1976 war Bischof Dr. Sommer von der Evangelisch-methodistischen Kir­che 1. stellvertretender Vorsitzender, ehe bis 1989 sein Nachfolger, Bischof Sticher, die Position des 1. Stellvertreters und danach den Vorsitz übernahm.

Seit 1991 hat Propst Wengenroth, D.D., von der SELK das Amt des 2. stellvertretenden Vorsitzenden inne, in dem er gerade wieder bestätigt wurde. In allen Bereichen von „Brot für die Welt“ wird somit die Mitverantwortung der Freikirchen erkennbar.

Zukunftsaufgaben

„Brot für die Welt“ wird als eine gemeinsame Aktion der evangelischen Landes- und Freikirchen in Deutschland beschrieben. Das stellt die Zusammenarbeit vor .immer neue Herausforderungen, die an folgenden Beispielen auf­gezeigt werden sollen:

  • Wahrnehmung und Überwindung von Spannungen, die durch den Mehrheits- und Minderheitsstatus von Landes- und Freikirchen in der Arbeit von „Brot für die Welt“ bedingt sind. Ziel ist eine gleichberechtigte zwischenkirchliche Partnerschaft.
  • In einem fortlaufenden Diskussionsprozess das Profil einer ökumeni­schen Diakonie schärfen. Dazu gehört grundsätzliche theologische Refle­xion, aber auch die Anpassung von Kriterien der Entwicklungszusam­menarbeit an die veränderte Situation zwischen dem Norden und dem Süden. Ergebnisse von Einzelstudien könnten in einem „Leitbild Öku­menische Diakonie“ gebündelt werden. Müsste nach „Den Armen Gerechtigkeit“ in einem neuen Grundsatzpapier der Ertrag der Beratun­gen zusammengefasst werden?
  • Es sollte geprüft und ausgelotet werden, ob andere Freikirchen für eine geordnete Mitarbeit bei „Brot für die Welt“ zu gewinnen sind. Alte und bekannte Vorbehalte wären zu diskutieren und möglicherweise zu überwinden. Im Ergebnis könnte das zu einer Bündelung aller Kräfte in der ökumenischen Diakonie für den Einsatz in Süden und Osten führen.

In fast 40 Jahren ist eine erfreuliche und belastbare Zusammenarbeit zwi­schen den Freikirchen und "Brot für die Welt" gewachsen. Sie bildet ein trag­fähiges Fundament für zukünftige Aufgaben. Sie müssen den neuen Herausforderungen Raum geben und darauf angemessen antworten. Zwischen Weiterentwicklung und Stabilisierung wird der weitere Weg in der Öku­menischen Diakonie verlaufen. Für die Freikirchen und "Brot für die Welt" wird das aus Anlass des 40. Jubiläums zur neuen Verpflichtung.

Aus: 1957-1997. 40 Jahre Diakonische Arbeitsgemeinschaft evangelischer Kirchen. Hrsg. Diakonische Arbeitsgemeinschaft evangelischer Kirchen. Stuttgart, 1997. Seite 69-73.