Jahre des Umbruchs in der Geschäftsstelle

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Von Pastor Gotthard Schüttel, Stuttgart Geschäftsführer der DAeK 1989 - 1999

"Wir brauchen eine neue Bekehrung zur Diakonie. Persönlich glaube ich, dass der Zusammenhang von Diakonie und Erweckung kein historisch zufälliger, sondern ein systematisch konstitutiver ist", formulierte Prof. Dr. Hanns-Stephan Haas, Hannover, bei einem Vortrag zum Thema „Diakonie 2000“ am 12. Juni 1997.

Aufgrund dieser Überzeugung habe ich nach 26 Jahren Gemeindedienst in verschiedenen Baptistengemeinden die Berufung zum Geschäftsführer der Diakonischen Arbeitsgemeinschaft (DAeK) angenommen. Der Dienst begann nach viermonatiger Vakanz im Haus Bethel in der Hohentwielstraße 101 in Stuttgart. Das Diakoniewerk Bethel, Berlin, hat die Büroräume zwölf Jahre lang für die gemeinsame Arbeit der „Freikirchen“ zur Verfügung gestellt, was hier nochmals dankend erwähnt werden soll. Nun galt es, sich mit dem umfangreichen Arbeitsfeld und den acht Mitgliedern vertraut zu machen. Zu den Aufgaben der DAeK gehörten damals noch die „Partnerschaftspro­gramme“ des Diakonischen Werkes der EKD (DWEKD) für die Diakonie in der damaligen DDR. Im Herbst füllten sich die Büroräume zuneh­mend mit Kleidungslieferungen, die über Frauengruppen und andere Verteilstellen zum Versand gebracht wurden. Außerdem waren Anträge auf Pkws, Bürogeräte, Baumateria­len und Literatur zu bearbeiten. Karin Schwöll, die damalige Sekretärin der DAeK, hat in diesen Zeiten oft Schwerarbeit geleistet.

Noch während dieser Einarbeitungs­zeit fiel im November 1989 die Ber­liner Mauer, und der Prozess der Wiedervereinigung begann. Vom „Verband Freikirchlicher Diakonie­werke“ wurden umgehend in Berlin drei Seminare zur Schulung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der freikirchlichen Diakonie angeboten, die bei zahlreicher Teilnahme ein posi­tives Echo fanden. So bald wie möglich arrangierte ich eine Rundreise mit dem Baureferenten des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, Heinrich Strohmann, zu den freikirchlichen Einrichtungen in Thüringen. Dabei begegneten wir großen Erwartungen im Blick auf die Hilfe zur Umstel­lung auf die neuen Anforderungen. Manche Anträge auf Mittel zum „Auf­schwung Ost“ an den „Revolving Fonds“, den „Kirchlich-diakonischer Wie­deraufbau“ und die „Stiftung Diakonie“ wurden positiv beschieden. Häufig musste umfangreiches Informationsmaterial versandt werden, um den Part­nern in den östlichen Bundesländern die notwendigen Informationen zu übermitteln. So mancher Flug nach Berlin wurde in dieser Zeit gebucht. Nicht einfach war die Erstellung einer „diakonischen Landkarte“ mit den Einrichtungen der Mitglieder der DAeK in den neuen Bundesländern. Nur müh­sam gelang es mir, verschiedene kleine Orte zu finden und geographisch ein­zuordnen. Auf diese Weise konnte ich jedoch meine Kenntnisse in Heimat­kunde sehr schnell nach Osten erweitern.

Mit verschiedenen Sitzungen und Konferenzen wurde die Wiedervereinigung der Diakonischen Werke in Ost und West zielstrebig verfolgt und mit der Diakonischen Konferenz vom 18.-20.03.1991 vollzogen und dankbar gefei­ert. Die Zusammenführung der DAeK dauerte etwas länger, zumal eine neue Satzung erstellt werden musste, die es erlaubt, dass jedes Mitglied zwei Ver­treter entsenden kann. So wurde es möglich, für die Mitgliederversammlung auch je einen Vertreter aus den östlichen Bundesländern zu benennen. Die letzte Sitzung der „Diakonischen Arbeitsgemeinschaft der Freikirchen“ in der ehemaligen DDR fand am 30.01.1991 in Berlin, Gubener Straße, statt. Am 13.06.1991 konnte dann die Wiedervereinigung in Stuttgart vollzogen ­und gefeiert werden. Seitdem besteht eine gute und fruchtbare Zusammenarbeit: Die Strukturen und viele Gebäude wurden erneuert, zusätzliche Einrichtungen konnten übernommen und einige Werke mit großem Einsatz neu  begonnen und realisiert werden. Das führte zu einem Wachstum der Diako­nie bei den Mitgliedern der DAeK, wofür wir Gott sehr dankbar sind.

Als das Gebäude in der Hohentwielstraße 1990 vom DWEKD erworben wurde, konnte die DAeK neue Büroräume im Bereich des DWEKD in der Gerokstraße 17 mieten. Der Umzug erfolgte am 18.06.1991. Jetzt wurde ein  eigener PC angeschafft und der Faxanschluss des DWEKD konnte genutzt  werden, so wurde die Bürotechnik erheblich verbessert. Der Kontakt zu den verschiedenen Abteilungen des DWEKD konnte jetzt intensiviert werden  und durch die Beteiligung des Geschäftsführers an den Hausandachten rückte die DAeK stärker ins Bewusstsein der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des DWEKD. Mit Dankbarkeit soll auch das persönliche Engagement der Präsidenten des DWEKD als Vorsitzende bzw. stellvertretende Vorsitzende der DAeK erwähnt werden. Sie haben sich immer wieder für die Anliegen der freikirchlichen Diakonie eingesetzt. Alle Mitglieder der DAeK sind durch eigene Abgeordnete in der „Diakonischen Konferenz“ vertreten und der Geschäfts­führer nimmt als Beobachter teil. Die Verbindung zu den gliedkirchlichen Diakonischen Werken wird durch die Teilnahme des Geschäftsführers an den Konferenzen der Landespfarrer gepflegt. So können regionale Probleme und Anfragen meistens gut gelöst werden. Auch im Arbeitsrecht ist die frei­kirchliche Diakonie mit eingebunden und ringt gemeinsam mit den Verant­wortlichen des DWEKD um den Erhalt des Dritten Weges, der einen Arbeits­kampf im Bereich der Diakonie ausschließt. Sehr rege war die Beteiligung der Vertreter der DAeK bei der Mitarbeit an dem Prozess der Erstellung des „Leitbildes Diakonie“, was auch zur eigenen Bewusstseinsbildung half.

Ein besonderer Dank gilt den Verantwortlichen im DWEKD für die bestän­dige finanzielle Unterstützung und Förderung der DAeK. So kann die Arbeit der DAeK ohne allzu große finanzielle Belastung der Mitglieder wahrgenommen werden.

Einige Freikirchen waren besonders stark vom Zustrom der Aussiedler, vor allem aus Rumänien und den GUS-Staaten, betroffen. Die Mennoniten und der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden haben sich deshalb auch intensiv an den Personalprogrammen beteiligt, die vom DWEKD mit Hilfe von Bundesmitteln gefördert wurden. Trotz dieser Bemühungen haben sich in der Regel selbständige Aussiedlergemeinden gebildet. Das Bemühen um Verständigung und gegenseitige Annahme bleibt eine diakonische Aufgabe, auch wenn der Zustrom langsam nachlässt.

Für die ausländischen Mitbürger setzt sich in besonderer Weise der Öku­menische Vorbereitungsausschuss ein und bittet die Gemeinden, sich an der „Woche des ausländischen Mitbürgers“ zu beteiligen. Nach sechsjähriger Mitarbeit konnte ich diese Aufgabe an Majorin Ursula Hartmann von der Heilsarmee in Nürnberg übergeben. Weil die Bibel uns auf vielfache Weise aufruft, „die Fremden in unserer Mitte“ mit besonderer Liebe aufzunehmen, sollten unsere Gemeinden diese Aufgabe wacher als bisher wahrnehmen. Die immer noch bestehende Fremdenfeindlichkeit kann auch in Deutsch­land nur durch Liebe und gegenseitige Annahme überwunden werden.

Neben diesen vielfältigen Aufgaben für die innerdeutsche Diakonie gehört etwa die Hälfte des zeitlichen Engagements des Geschäftsführers und der Sekretärin der ökumenischen weltweiten Diakonie. Die gesamte Informa­tions- und Werbearbeit für „Brot für die Welt“ bei den Mitgliedern wird in der Geschäftsstelle koordiniert, und auf Wunsch werden besondere Informa­tionen übermittelt. Das Spendenergebnis, das dem der kleineren gliedkirch­lichen Diakonischen Werke entspricht, muss termingerecht erfasst und an „Brot für die Welt“ überwiesen werden. Ich vertrete die Mitglieder im Unterausschuss „Information und Werbung“, im Grundsatzausschuss „Alternative Entwicklung“, im Verteilungsausschuss und im Stipendienkomitee. Die DAeK ist auch Mitglied bei „Dienste in Übersee“, der Personalvermittlung des Kirchlichen Entwicklungsdienstes. Auf Antrag der Vereinigung Evangeli­scher Freikirchen (VEF) vertrete ich die Freikirchen im Leitungskreis der Arbeitsgemeinschaft Kirchlicher Entwicklungsdienst (AG KED) und im Ausschuss für entwicklungsbezogene Bildung und Publizistik (ABP). „Den Armen Gerechtigkeit“ ist das Motto von „Brot für die Welt“. Mein Anliegen ist es, dass  die Freikirchen sich weiterhin ohne Einschränkung an dieser Aktion beteiligen, die die Grenzen der eigenen Konfession überschreitet. Bei den Projektbewilligungen wird zudem immer wieder deutlich, dass die Frei­kirchen in den Entwicklungsländern in weit größerem Maße beteiligt sind als es dem Anteil am Spendenaufkommen entspricht. Seit der „Wende“ bekommen die Aufgaben für Mittel- und Osteuropa ein noch größeres Gewicht als vorher. Deshalb haben wir die Mitglieder zur Beteiligung an der Spendenaktion „Hoffnung für Osteuropa“ aufgerufen, an der sich inzwi­schen einige Mitglieder regelmäßig, zusätzlich zu ihrer bilateralen Hilfe, beteiligen. Ich vertrete die DAeK in der „Evangelischen Kommission für Mittel- und Osteuropa {EKMOE) und gebe Informationen und Anregungen für die Arbeit weiter. In einigen Fällen konnten auch Gelder für verschiedene Einzelfallhilfen durch das DWEKD vermittelt werden.

Eine neue Bekehrung zur Diakonie, gerade in Zeiten des Umbruchs und der neuen Herausforderungen, wünsche ich allen Mitgliedskirchen der Diakoni­schen Arbeitsgemeinschaft von Herzen. Die Kürzung der staatlichen Sozial­leistungen wird Diakonie nicht einfacher machen, aber umso mehr Dienst­bereitschaft, auch unter Opfern, fordern. Möge die Liebe Jesu sich in uns bewähren und dazu beitragen, dass das Bekenntnis zu dem lebendigen Gott der Liebe glaubwürdig bleibt mitten in der säkularisierten Welt.

Aus: 1957-1997. 40 Jahre Diakonische Arbeitsgemeinschaft evangelischer Kirchen. Hrsg. Diakonische Arbeitsgemeinschaft evangelischer Kirchen. Stuttgart, 1997. Seite 52-55.