Mission oder Entwicklungshilfe - Diakonie oder Sozialarbeit?

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Von Missionsdirektor i. R. Johannes Junker, D.D., D.D., Meinersen, Vorsitzender der DAeK 1982 - 1984

Als sich 1972 mehrere freikirchlich konstituierte bekenntnisgebundene lutherische Kirchen zur nunmehrigen Selbständigen Evangelisch-Lutheri­schen Kirche (SELK) zusammenschlossen, - übrigens eine Vereinigung, bei der vor allem der Konsens in Lehrfragen eine dominierende Rolle spielte -, war es auch tunlich, dass diese Kirche nun auch neu ihr Verhältnis zum Dia­konischen Werk der EKD zu gestalten versuchte. Als nicht zur EKD gehören­de Kirche wurde sie wie es einzelne Teilkirchen zuvor schon waren, der Dia­konischen Arbeitsgemeinschaft (DAeK) zugeordnet. Die ehemalige Ev.-Luth. (altluth.) Kirche“, die sog. „Altlutheraner“ und die „Ev.-Luth. Freikirche“ hatten bis dahin schon Verbindungen über die DAeK zum „Hilfswerk“ mit sei­nen unterschiedlichen Programmen und alle Teilkirchen halfen bereits mit bei den Sammlungen von „Brot für die Welt“ (BfdW). Darüber hinausgehende Verbindungen zu den deutschen evangelischen Dachorganisationen gab es nicht, es sei denn, dass sich einzelne schon lange bestehende Heime den jeweiligen landeskirchlichen Diakonischen Werken angeschlossen hatten und sich durch sie ausreichend vertreten und versorgt sahen, ohne dass der Bedarf bestand, sich in eine übergeordnete innerkirchliche oder außerkirch­liche Institution einzuordnen. Als ich 1973 erster hauptamtlicher Geschäftsführender Kirchenrat der SELK wurde, war es eine meiner vordringlichsten Aufgaben, Verbin­dungen zu übergeordneten kirchli­chen Institutionen zu schaffen oder auf den Weg zu bringen.

Als einer, der aus der Basisarbeit der Mission kam (1955-1965 in Südafri­ka) und später wieder in ihre Leitung zurückkehrte (1984-1995) und als Pastor einer Kirche, der man ­sicherlich irreführend - nachsagte, dass sie Fragen der Lehre und des Glaubens vor soziale Fragen stelle, Bekenntnis vor Diakonie und Missi­on vor Entwicklungshilfe, waren die Gesellschafter in der DAeK Partner, die - wenn auch mit prinzipiell anderen Lehrhintergründen und Traditionen - diese Situation zu verstehen vermochten, besonders dann, wenn man genü­gend voneinander wusste. Der von Jesus Christus gegebene Missionsbefehl für die ganze Welt schloss die Diakonie selbstverständlich mit ein, ohne sie aller­dings in jedem Fall als völlig selbständig konstituiertes Werk herausstellen zu müssen. Dieser Auftrag Jesu nannte das Taufen und Lehren und subsumierte die Bereiche der „Ökumenischen Diakonie“, einer kirchlich verantworteten "Entwicklungshilfe" unter anderem in den Schlusssatz des Missionsbefehls: „... und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“ (Matthäus 28, 20).

Damit blieben Mission oder Entwicklungshilfe und Diakonie oder Sozialar­beit keine irgendwie zu oder nachgeordneten Gegensätze, deren jeweilige Bevorzugung der einen oder anderen Seite jeweils schädliche Verzeichnungen zur Folge hätte. Sie waren nicht voneinander zu trennen. Ich kann mich nicht erinnern, dass diese Grundzüge unter den Gesellschaftern in der DAeK jemals strittig gewesen wären.

Anders war das in den Bereichen des Diakonischen Werkes der EKD (DWEKD) oder in denen des Evangelischen Missionswerkes (EMW). Wir kommen darauf zurück. Doch ohne nun hier nachprüfen zu wollen oder zu können, in welcher Weise sich jeder einzelne Gesellschafter der DAeK damit innerhalb seiner Institution auseinandersetzte, waren zur Mitte der siebziger Jahre bereits generelle Weichenstellungen im DWEKD und im EMW gege­ben, die mit dazu beitrugen, dass die DAeK in ihrer Zuordnung zum DWEKD ein besonders strukturiertes Gebilde wurde und blieb.

Im Bereich der lutherisch geprägten Missionen war „die Grundlagenkrise der Mission“ spätestens seit der „Frankfurter Erklärung“ von 1970 offenbar (vgl. Peter Beyerhaus, „Krise und Neuaufbruch der Weltmission“, Vorträge, Aufsätze und Dokumente, Verlag der Liebenzeller Mission, 1987). Vorausge­gangen war eine langjährige Konfrontation zwischen „Ökumenikern“ und „Evangelikalen“, die 1969 zur Gründung der „Konferenz Evangelikaler Mis­sionen“ geführt hatte, später umbenannt in „Arbeitsgemeinschaft Evangeli­kaler Missionen“ (AEM). Mit dem ersten „Internationalen Kongress zur Weltmission“ in Lausanne (16.-25.7.1974) wurde dann auch in Deutschland das Auseinanderbrechen der beiden Missionslager AEM und EMW (Gründungsbeschluss 3.-8.11.1974 in Berlin-Spandau) unausweichlich.

Auch wenn nicht alle in der DAeK verbundenen Gesellschafter sich sofort und ohne Bedenken in den einen oder den anderen Block einzuordnen vermoch­ten, wurde die inhaltliche Auseinandersetzung zwischen den in der AEM und dem EMW verbundenen Kirchen und Missionen auch in das DWEKD hineingetragen und dort zunächst vor allem im Ressort von BfdW und hier wiederum besonders im Ausschuss für Ökumenische Diakonie spürbar. Reiz­themen waren dann dort vor allem die Unterstützung des „Antirassismusprogrammes“ und die Förderung bestimmter revolutionärer Befreiungsbewegungen oder kommunistischer Regierungen. Dabei stand nicht die Katastrophenhilfe in der Kritik, sondern die Förderung einzelner Projekte, die letztlich unchristlichen, militanten, antichristlichen Gruppen, Parteiun­gen oder Regierungen zugute kommen mussten, weil ihre „humanitäre“ Ver­wendung nicht gewährleistet war und somit die Hilfen etwa auch zur Errei­chung militanter Ziele umgeschichtet und damit missbraucht werden konnten. Zunehmende Vorbehalte gegen die Verteilungskriterien von BfdW und vermehrte Kritik - auch aus den Reihen anderer Gesellschafter in der DAeK - sorgte, weil sie nicht ernst genug genommen wurden, für Irritationen und hatten schließlich zur Folge, dass andere vereinsrechtlich strukturierte gemeinnützige Organisationen und Hilfswerke mit unterschiedlichen Ziel­setzungen und Vergabekriterien gebildet wurden und damit angeblich Alternativen zur falschen Vergabepolitik von BfdW entstehen mussten.

In den übrigen Bereichen des Diakonischen Werkes gibt es Themen, die nicht auf den ersten Blick mit denen des EMW vergleichbar erscheinen. Seit Anfang der siebziger Jahre geht es ganz wesentlich um Satzungsfragen für die Neukonstituierung des Diakonischen Werkes. „Das Diakonische Werk, ­Innere Mission und Hilfswerk - der Evangelischen Kirche in Deutschland“ wird zum nunmehrigen DWEKD umstrukturiert und neu gebildet. Die Gründungsversammlung findet am 6.6.1975 in Berlin statt. Im Oktober 1976 tritt zum ersten Mal die „Diakonische Konferenz“ zusammen. Um Rechtsfragen geht es auch vordergründig bei der rechtlichen Gestaltung von Arbeitsver­hältnissen der Mitarbeiter des DW, seiner landeskirchlichen Verbände und Einrichtungen, oder auch um gewerkschaftliche Betätigung in den diakoni­schen Einrichtungen. Erinnert sei hierzu an das Buch von Axel Freiherr von Campenhausen und H. J. Gerhardt: „Kirche-Staat-Diakonie“ (Verlag des Amtsblattes der EKD, Hannover 1982), das die Rechtsprechung des Bundes­verfassungsgerichts im diakonischen Bereich der damaligen Zeit wiedergibt. Hintergründig aber geht es hier um das rechte Verständnis christlicher Dia­konie gegenüber zur nichtchristlichen, vielleicht neutralen Sozialarbeit. Bei den gewaltigen Expansionen der diakonischen Einrichtungen nach dem Zweiten Weltkrieg - auch gerade möglich durch fast uneingeschränkt zur Verfügung stehende öffentliche Mittel aus Bund, Ländern und Kommunen -, hatte man zunehmend nach „fachlichen Qualifikationen“ gefragt und Mitar­beiter und Mitarbeiterinnen eingestellt. Nach dem christlichen Glauben aber und ihrer Stellung zur Kirche und ihren Einrichtungen hätte man kaum genügend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter finden und einstellen können. Nun gab es partiell gewaltige Spannungen gepaart mit Ängsten, bei ungenü­gender christlicher Lebensführung entlassen werden zu können. Doch eska­lierten im Bereich des DWEKD die Dinge nicht in gleicher Weise wie beim EMW - sicherlich auch ein Verdienst des damaligen Präsidenten Dr. Schober - dem letztendlich die EKD-Synode 1980 in Garmisch-Partenkirchen die Zustimmung zum Rechenschaftsbericht versagte.

Doch theologisch gesehen - wenn man denn dieses überhaupt wollte - lagen die Probleme des DWEKD und des EMW in etwa auf der gleichen Ebene: Die christlichen und kirchlichen Komponenten von Mission und Diakonie waren gegenüber nur entwicklungshilfe- oder sozial bedingten Motivationen und Zielsetzungen zurückgedrängt worden. Es schien so, als ob Mission und Diakonie aufgehört hätten, Lebensäußerung der Kirche und ihrer Gemein­den zu sein. Das Christuszeugnis in der missionarischen Verkündigung und im diakonischen Dienst schien weithin verlustig gegangen. Dem galt es ­zumindest ein Stück weit - entgegen zu steuern.

Nach den Ursachen solcher Entwicklungen zu fragen, wird je nach Standortbestimmung des Fragenden unterschiedliche Antworten und Wertungen ergeben. Die einen werden darauf verweisen, dass dieses die unausbleibbare Folge der schleichenden Aufgabe jeglicher Lehrverbindlichkeit in den Kir­chen sei, die das Bekennen und das Bekenntnis längst als überholt und ver­altet abgestreift hatten. Andere werden die Ursachen in der unheilvollen Verflechtung von Staat und Kirche und ihren Institutionen erkennen wollen, die finanziell, wirtschaftlich, und sozialethisch keine Eigenkräfte mehr mobilisieren können. Wieder andere mögen auf die enormen sozialpoliti­schen Umstürze aufmerksam machen, die „Achtundsechziger-Generation“, die auch die Kirchen und ihre Institutionen zu unterwandern drohten. Mög­licherweise hatten dies und noch viel anderes mehr solche Entwicklungen ausgelöst, den Verfall des christlichen Glaubens gefördert und seine Werte „verdunsten“ lassen.

Man könnte nun untersuchen, ob und wie weit es damals gelang, diese Entwicklungen einzudämmen oder gar rückgängig zu machen. Man könnte darüber reflektieren, wie diese Entwicklungen seither weitergegangen sind und ob es in ihrem Gefolge nicht vielleicht auch neue Einbrüche gegeben hat. Gewiss tut das auch jeder für sich. Wenn hier ein sog. „Freikirchler“ kritisch beobachtet und die Ergebnisse auszusprechen versucht, so tut er das ja nicht als Häme oder gar Schadenfreude. Keine Kirche, auch keine freie oder selbständige, ist von solchen Entwicklungen der „Großkirchen“ um uns herum unberührt oder unbeeinflusst geblieben. Auch negative Einflüsse aus unserem Umfeld haben uns immer wieder zu Reaktionen herausgefordert und zu aktuellen innerkirchlichen Entscheidungen geführt. Haben wir sie befriedigend gelöst? Werden auch wir „zu leicht befunden“? Auch jeder Gesellschafter in der DAeK wird kritisch seine eigene Kirche zu messen haben.

Aus: 1957-1997. 40 Jahre Diakonische Arbeitsgemeinschaft evangelischer Kirchen. Hrsg. Diakonische Arbeitsgemeinschaft evangelischer Kirchen. Stuttgart, 1997. Seite 42-45.