Ökumene in der Diakonie - 150 Jahre Anlauf

© Michael Klein, Brot für die Welt

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Direktor i. R. Ludwig Geißel gewidmet, dem ökumenischen Diplomaten und christlichen Strategen, der durch seine frühen Hilfswerk-Erfahrungen den Freikirchen allezeit viel Verständnis bewahrte.

Von Pastor Karl Heinz Voigt, Kiel, Geschäftsführer der DAeK 1963 - 1968

Der Dienst der Christen, der Gemeinden und der Kirche im Namen Jesu Christi konnte noch nie an konfessionellen Grenzen scheitern. Oder viel­leicht doch? Etwa weil durch kirchenpolitische Abgrenzung der gemeinsame Weg zu denen versperrt war, die Hilfe brauchten? Die Geschichte zwischen Gemeinschaft im Dienst und ausgrenzender Distanzierung kann in öku­menischer Zeit offen angesprochen werden. Als Beispiel wähle ich vorwie­gend Erfahrungen aus den methodistischen Kirchen.

Nach methodistischem Verständnis gibt es nur einen „diakonischen Glauben“. Es kann nicht um eine Addition „Glaube und Liebe“ gehen, sondern um jenen „Glauben, der in der Liebe tätig ist“. Wie gestaltete sich dieser Ansatz konkret?

Johann Hinrich Wichern und Theo­dor Fliedner, um nur zwei herausra­gende Persönlichkeiten zu nennen, wurden durch ihre ökumenischen England-Erfahrungen mehrfach an­geregt. Fliedner schrieb über seine Begegnungen mit den Methodisten und veröffentlichte eine Biographie ihres Gründers John Wesley. Über die vielfältigen Einflüsse aus der englischen Erweckungsbewegung auf Johann Hinrich Wichern wäre eine spezielle Studie erhellend.

1. „Methodisten“ als Kaiserswerther Diakonissen

Fliedner hatte keine ökumenischen Berührungsängste. Nach einer Württembergischen „Werbereise“ des Kaiserswerther Pfarrers schrieb ihm Wilhelm Hoffmann, der später in Basel und Berlin wirkte, in einem Brief aus Winnen­den, er habe nach eigener erfolgloser Diakonissen-Suche mit dem methodi­stischen Missionar Müller gesprochen, der ihm bald danach mitgeteilt habe, es seien aus seiner wesleyanisch-methodistischen Gemeinschaft zehn junge Frauen willig, zur Krankenpflege nach Kaiserswerth zu kommen. Vorsorglich fügte Hoffmann der Mitteilung hinzu: „Der Methodismus darf Sie, glaube ich, nicht erschrecken. Denn derselbe ist, was die Formen betrifft, sehr temperiert und ihre religiöse Denkart im ganzen eine biblische ... „ Am 22. März 1839 kamen vier junge Methodistinnen in Kaiserswerth an: Katharine Beu­tel, Agnes Mayer, Elisabeth Schäfer und Marie Schäfer, die die bedeutendste von ihnen wurde. Als am 3. Oktober 1839 in Kaiserswerth die erste Aufnah­me ins Diakonissenamt der Neuzeit erfolgte, waren unter den drei Schwe­stern zwei aus der methodistischen Gemeinschaft in Winnenden. Diakoni­sche Hinwendung kennt keine Grenzen. Anders ist das schon in der kirchengeschichtlichen Betrachtung. Da war es besser, die Erinnerung an die lange Zeit wenig geschätzten Methodisten, die 100 Jahre hindurch als bedrohliche Sektierer abgestempelt wurden, zu verdrängen. Die Diakonie - ­Geschichte hat diesen ökumenischen Anfang bis heute kaum wahrgenom­men.

2. Kirchentage und Kongresse der Inneren Mission

Als man 1848 in Wittenberg zum ersten Kirchentag zusammenkam und dort auch Wicherns programmatische Rede hörte, war man in einer Aufbruch­stimmung, die nicht an Konfessionsgrenzen Halt machte. Voran die Unier­ten, dann Reformierte und aufgeschlossene Lutheraner, die Herrnhuter hat­ten sogar einen „Delegierten“ entsandt. In der Debatte um den angestrebten Kirchenbund wurde nach der Stellung der konfessionellen Lutheraner gefragt, die sich „separiert“ hatten; es wurde die Frage nach den Mennoniten gestellt und sogar angeregt, sich mit der Einheitsbewegung der von England herüberwirkenden „Evangelischen Allianz“ zu verbünden. Wo sonst gab es eine solche „ökumenische“ Offenheit? Methodisten gab es nur wenige in Deutschland, aber in ihren Zeitschriften berichteten sie von nun an über die Kirchentage. Die revolutionären politischen Veränderungen hatten den Kirchentag ausgelöst; sie waren es auch, die den methodistischen Kirchen aus Amerika die Tür nach Deutschland öffneten. Nachdem deren Mission 1850 von Bremen und von Stuttgart aus begann, suchte man die Zusammenarbeit mit der Erweckungsbewegung. Die Kirchentage waren dafür ein ausgezeichnetes Forum. Deutsche Methodisten in der Heimat und in Amerika wurden z.B. umfassend und kritisch über den Stuttgarter Kirchentag und Kongress der Inneren Mission unterrichtet. Ein Gesichtspunkt für die Einberufung von Kirchentag und Kongress 1851 gerade nach Wuppertal war die Evangeli­sche Allianz. Die Londoner Vertreter auf dem Weg nach Stuttgart, darunter Freikirchler, waren 1850 zwar bis nach Hamburg gekommen, aber der Weg nach Stuttgart war zu weit. Im nächsten Jahr wollte man sich in Wuppertal treffen. Allerdings bewertete der methodistische Superintendent Dr. S. Jacoby die Möglichkeiten der Zusammenarbeit skeptisch. 1851 wurde durch die Anwesenheit von englischen Allianzvertretern, darunter der Baptist Edward Steane und ein Vertreter der englischen Brüdergemeine, der Kirchentag mit der Frage nach der Religionsfreiheit in Deutschland konfron­tiert. Der konservative Kirchentags-Vorsitzende Bethmann-Hollweg schmet­terte den Antrag Steanes, eine Versammlung zur Durchsetzung religiöser Freiheit auf dem Kontinent einzuberufen, schnell ab. Der methodistische Superintendent Jacoby nahm an den Wuppertaler Versammlungen teil. Er berichtete darüber nach Amerika, jedoch ohne auf die entstandenen Kon­flikte einzugehen. Neben der Ablehnung des Antrags von Steane hatte es am Rande des Kirchentags auch eine freikirchlich orientierte „außergewöhnliche Versammlung des evangelischen Brüdervereins“ gegeben, die auch die Ableh­nung des Kirchentags zur Vereinstätigkeit außerhalb der Landeskirchen dis­kutiert hat. An Kirchentag und Kongress 1852 in Bremen waren die Methodisten besonders interessiert, weil es um das Thema Auswanderung ging. Schließlich waren sie selber eine Rückwirkung dieser Auswanderung. Insgesamt nahmen fünf methodistische Prediger teil. Gerade die aus Sachsen angereisten Brüder Ehrhardt und Friedrich Wunderlich spürten eine unge­heure Spannung, weil für sie Geld- und Gefängnisstrafen wie Landesverwei­se zur alltäglichen Erfahrung gehörten, während sie im liberalen Bremen die Methodisten ohne Behinderungen wirken sahen. In den Bremer Referaten wurde sogar die Arbeit der Methodisten unter den Auswanderern gewürdigt. Und als der methodistische Traktate-Herausgeber Jacoby zu der Versamm­lung der Traktatvereine nicht zugelassen werden sollte, intervenierte ein ökumenischer Freund, vermutlich der Bremer Pastor Georg Gottfried Trevi­ranus. Deutete sich darin schon eine Entwicklung an, die im Gegensatz zur früheren interkonfessionellen Offenheit stand? Am nächsten Kirchentag, der 1853 in Berlin stattfand, hörte man schon andere Töne. Oberkonsistorialrat Dr. von Snethlage hielt ein Referat über „Das Verhalten der Kirche in Bezug auf Separatismus und Sektiererei, namentlich Baptismus und Methodis­mus.“ Die wachsende Arbeit der Baptisten und Methodisten blieb nicht ohne Auswirkung. Vielleicht hatte auch die früher vom Kirchentag abge­lehnte Versammlung zur Durchsetzung der Religionsfreiheit, die inzwischen unabhängig vom Kirchentag als „Hornberger Versammlung“ stattgefunden hatte, die konservativen Gemüter erregt. Nachdem dem Berliner Baptisten Gottfried W. Lehmann in der Debatte das Wort verwehrt worden war, publizierte er ein „Offenes Sendschreiben an den deutschen evangelischen Kir­chentag“ mit einem ergänzenden Brief des baptistischen amerikanischen Botschafters in Preußen, Daniel D. Barnards an Seine Majestät. Im Kongress für Innere Mission berichtete Pastor Georg G. Treviranus positiv über Bap­tisten, Brüdergemeine und Methodisten in Bremen. Von den Methodisten erhoffte sich der Bremer Pastor, der nicht nur über die Methodisten gelesen hatte, sondern sie aus der Nähe kannte, dass sie mit der Zeit eine Stellung einnehmen werden, wie die Brüdergemeine. Im folgenden Jahr wurde an den Frankfurter Tagungen diese Tendenz weitergeführt. Das von dem transatlan­tischen Brückenbauer Philipp Schaff (Mercersbury/USA) gehaltene Referat über die Beziehungen der evangelischen Kirchen in der Heimat und in Ame­rika interessierte natürlich die Methodisten besonders. Zeitweise hat Superintendent Jacoby aus Bremen am Kirchentag in der Main-Metropole teilgenommen, daneben waren der Frankfurter methodistische Prediger Ludwig Nippert, und die beiden aus Württemberg angereisten Prediger Johann C. Link und Johannes Nikolai von der Evangelischen Gemeinschaft, die heute Teil der Ev.-methodi­stischen Kirche ist, anwesend. Bei der erneuten Taufdiskussion war den Bap­tisten wieder verwehrt, sich an der Debatte zu beteiligen. Auch die englische Allianz meldete erneut ihre Bedenken gegen religiöse Verfolgungen in Deutschland an. Die anwesenden Baptistenprediger Julius Köbner und G. W. Lehmann haben noch in Frankfurt zu „einer Disputation mit Andersden­kenden“ eingeladen. Als sich Kirchentag und Kongress 1857 erneut in Stutt­gart trafen, waren wieder methodistische Teilnehmer dabei, allen voran Wil­helm Nast, der aus Württemberg stammende „Kopf“ der deutschen Methodisten in Amerika. Neben ihm war der damals führende Vertreter der Ev. Gemeinschaft Johann C. Link wieder mit dabei. Ein kurzer Überblick über diese „erste Epoche der Inneren Mission“ genügt, um den Versuch ins­besondere der methodistischen Kirchen erkennbar zu machen, an der geist­lichen Erneuerung der Kirche in Deutschland durch Evangelisation und Dia­konie mitzuwirken. Ihre Erfahrungen wurden zunehmend negativer. Was der amerikanische Jesuit William O. Shanahan festhält, ist in der Tendenz rich­tig, auch wenn seine sprachlichen Formulierungen nicht zu akzeptieren sind: „Der Einfluss der englischen Sekten auf die praktische christliche Sozi­alarbeit hörte in dem Augenblick auf, als diese Sekten in Deutschland mit der Proselytenmacherei begannen. Die Baptisten fingen 1823 in Hamburg an, die Methodisten 1831 in Württemberg ...“ Die Kluft zwischen den Landes­kirchen und den Freikirchen wurde im 19. Jahrhundert immer tiefer, obwohl die diakonische Herausforderung individueller wie gesellschaftlicher Art in der Heimat und in der Fremde unvorstellbar groß war.

3. Nachkriegshilfe nach dem Ersten Weltkrieg

Schon bald nach dem Ende des Krieges suchte der amerikanische Zweig der methodistischen Kirche den Kontakt zu ihren Gemeinden in Deutschland. Diese waren während des Krieges, der von Deutschland aus mit England und später auch mit Amerika geführt wurde, als „angelsächsisches Gewächs“ unter starken gesellschaftlichen Druck geraten. Selbst in der Allianz distan­zierte man sich von den „englischen“ Freikirchen. Während die amerikani­schen Lutheraner Deutschland zunächst umreisten, traf im Spätherbst 1919 eine Delegation amerikanischer Methodisten direkt in Berlin ein, um die Vorbereitungen für die dringend notwendige Hilfe zu treffen, die in öku­menischer Weite erfolgen sollte. Für die methodistische „Sekte“ gab es als Ansprechpartner neben der demokratischen Regierung, die den Methodisten sympathischer war als den vormaligen Staatskirchen, nur den „Weltbund für Freundschaftsarbeit der Kirchen“. Diese ökumenische Gemeinschaft, die 1914 unter Beteiligung des für Deutschland zuständigen Bischofs John Louis Nuelsen in Konstanz gegründet worden war, die aber in den Landeskirchen wegen ihrer mutigen Friedensbemühungen nicht in hohem Ansehen stand, bot die Plattform. Wieder war es schwer, Diakonie in ökumenischer Gemeinschaft mit den großen Landeskirchen zu praktizieren. Die methodi­stische Kirche bot Speisungen an, führte Erholungskuren für Kinder durch, stellte an der Berliner Universität Mahlzeiten bereit und verschickte viele Kinder in die Schweiz, ökumenisch offen und weitgehend unabhängig von der konfessionellen Zugehörigkeit. Damals wurden neben der „Kinderhilfe der Methodisten“, die sich als Verein organisierte, auch Hilfen zur Selbsthil­fe geboten durch die Vermittlung von Zuchtvieh und von Baumwollrohstof­fen.

4. Nach dem Zweiten Weltkrieg

Die methodistischen Kirchen haben in ihrem Selbstverständnis zwei mar­kante Positionen, die jetzt zum Tragen kamen: sie sind seit ihrer Entstehung ökumenisch und sie leben in einer weltweiten Kirchenstruktur. Das bedeu­tete nach dem Krieg, dass es für die methodistischen Kirchen in Amerika keine Vorbehalte gab, ihre Hilfsmaßnahmen für Deutschland über den von den politischen Behörden für einige Zeit vorgegebenen Weg von „Church World Service“, die Genfer ökumenische Zentrale und das neue Hilfswerk laufen zu lassen. Alle Kirchen sollten von den Gaben der damals etwa 10 Millionen methodistischen Christen in Amerika profitieren. Der kleine deutsche Zweig mit seinen nicht einmal 100.000 Mitgliedern wäre nicht in der Lage gewesen, die vielen Hilfsgüter sachgemäß und sorgfältig zu verteilen. Aber die ökumenische Partnerschaft in Deutschland war schwierig. Seit dem Ende des Ersten Weltkrieges hatte der Deutsche Ev. Kirchenbund (Bund = Council) dem amerikanischen Nationalen Christenrat (Federal Council) ohne Abstimmung mit den anderen Kirchen in Deutschland die Information gegeben, er nehme als „Bund“ die deutschen ökumenischen Interessen aller protestantischen Kirchen wahr. Für die Genfer Ökumeniker war nicht nur durch die politischen Vorgaben klar, dass die Hilfswerkleistungen über das in Treysa gegründete Hilfswerk der EKD, das unter der Leitung von Eugen Ger­stenmaier stand, laufen müssen und dass es zugleich für die Freikirchen „zuständig“ war. Diese ökumenische Arbeit funktionierte aber nicht rei­bungslos, denn die Landeskirchen waren es nicht gewohnt, mit den früher als „Sekten“ betrachteten Freikirchen zusammenzuarbeiten und für sie tätig zu sein. Das gab Anlass zu Protesten durch die Freikirchen, insbesondere durch den methodistischen Seminardirektor und bald danach zum Bischof gewählten Dr. J. W. Ernst Sommer, dessen resolute Stellungnahmen, getra­gen von dem Gewicht der Hilfswerkgaben aus der eigenen amerikanischen Kirche und den Landeskirchen, als Vertreter der Vereinigung Evangelischer Freikirchen, nicht ohne Wirkung. blieben. Es war ihm völlig unverständlich, dass die Freikirchen an den Gaben aus den eigenen Kirchen Amerikas in Europa nicht auch angemessen partizipieren sollten. In Genf hatte man, auch wegen des großen Spendenanteils aus methodistischen und baptistischen Gemeinden, nachdrücklich eine Zusammenarbeit mit den in Deutschland wirkenden Freikirchen gefordert. Auch die methodistischen Kirchen, die natürlich Kontakte zu ihren Büros in New York und in Dayton hatten, dräng­ten auf Beteiligung. Man kann es sich heute nicht mehr vorstellen, dass Lan­desbischof Wurm als Ratsvorsitzender der EKD und gleichzeitig als Präsident des Wiederaufbauausschusses mit verschiedenen Unterorganisationen in Deutschland keinen Apparat zur Verfügung hatte, der feststellen konnte, welche der Nicht-Landeskirchen denn dem ÖRK nahe standen. Eugen Ger­stenmaier musste sich in Ermangelung ökumenischer Kontakte im eigenen Land erst in Genf sachkundig machen. Er fragte dort nach, welche Kirchen denn überhaupt zum Ökumenischen Rat gehören. Selbst in Genf konnte man es nicht einschätzen, was es heißt, eine Weltkirche zu sein. So wie innerhalb einer regionalen deutschen Landeskirche eine Propstei, eine Superintenden­tur oder ein Dekanat eine begrenzte Region innerhalb der Gesamtkirche umfasst, so umfasst in der methodistischen Weltkirche ein Sprengel eine in­nerkirchliche Region, auch wenn sie auf einem anderen Kontinent liegt. Das heißt, der deutsche Sprengel ist bis heute nicht Mitglied im Ökumenischen Rat der Kirchen geworden, weil er Teil der Gesamtkirche ist, die weltweit die Mitgliedschaft erworben hat. Darum suchte man den deutschen Zweig der methodistischen Kirche unter den Nationalkirchen vergeblich. Schon 1947 musste der engagierte Kirchenrat Christian Berg feststellen, dass die Aufnah­me der Freikirchen in das landeskirchlich geplante Hilfswerk „unter größter Zurückhaltung der Leitung des Hilfswerks und auf unablässiges Drängen der Freikirchen“ erfolgte. Dahinter steckt, dass insbesondere Bischof Sommer schon am 5. Sept. 1946 bei Verhandlungen mit Vertretern des Hilfswerk-Zen­tralbüros darauf bestanden hat, auch im Titel zum Ausdruck zu bringen, dass es sich - wie nun ohne Entscheidung des Rates der EKD auf den Briefköpfen zu lesen war - um ein „Hilfswerk der Evangelischen Kirchen in Deutsch­land“ handelte. Wenigstens die methodistischen Kirchen, die in Amerika als Kirche selber an dem Aufkommen erheblich beteiligt waren, wollten hier nicht geduldetes Anhängsel, sondern Mitträger der Hilfe sein. Evangelische Kirche im Plural; das war für die deutsche kirchliche Landschaft eine neue Dimension. Die Erfahrung zeigte, wie weit man in Deutschland noch von ökumenischer Partnerschaft entfernt war. In der Diskussion um die Verfas­sung des gemeinsamen Hilfswerks von Landeskirchen und Freikirchen sprach man in einem Entwurf von „Religiösen Gemeinschaften“. „Sekten“ konnte man nicht mehr sagen, „Kirchen“ wollte man noch nicht sagen. Schließlich stand im endgültigen Text das Stichwort „Kirchliche Gemein­schaften“. Die deutschen Landeskirchen haben bis heute immer haarscharf beobachtet, wie man sie in Rom bezeichnete. Jede feinste Veränderung wurde genau registriert. Vielleicht kann man auf diesem Hintergrund verstehen, dass die Freikirchen, die sich selbst in der theologischen Tradition der Refor­mation sehen, sich hier zu Unrecht an den Rand gedrängt fühlen mussten. Ökumenische Diakonie in Deutschland war nicht aufgrund der Einsicht in die „reine Lehre“ gewachsen, auch nicht aus ökumenischem Wohlwollen, das wenigstens zu einem gegenseitigen Respekt fähig gewesen wäre, sondern durch den Druck im Geflecht der internationalen kirchlichen Beziehungen. Niemand in Deutschland kann den ökumenischen Wandel, der durch die Befreiung der national-orientierten Kirchen aus ihrer geographischen Enge und den Verlauf der weltweiten theologischen Studienarbeit möglich gewor­den ist, so gut bewerten wie die Freikirchen.

5. Endlich Ökumenische Diakonie

Eine echte Partnerschaft innerhalb der evangelischen Kirchen, die im größe­ren Rahmen in Erscheinung trat, war die von Anfang an gemeinsam geplan­te und bis heute durchgeführte Aktion BROT FÜR DIE WELT. Der erste Auf­ruf war gemeinsam von Bischof Dibelius für den Rat der EKD und vom methodistischen Bischof Dr. Friedrich Wunderlich für die Vereinigung Evangelischer Freikirchen unterschrieben. Beide sprachen auch anlässlich der Eröffnung der ersten Aktion am 12. Dezember 1959 in der Berliner Deutschlandhalle. Die Nachkriegsjahre waren für die in ökumenischen Fragen ziemlich isolierten Landeskirchen Jahre, in denen sie entdeckten, dass in den früher oft wie Fein­de angesehenen Freikirchen Brüder und Schwestern zu finden waren; zudem Brüder und Schwestern, mit deren Kirchenfamilie sie fortan in der weltwei­ten Ökumene immer wieder zusammentreffen würden.

Was am Ende theologisch zu reflektieren bleibt ist die Tatsache, wie wenig im Grunde in reiner Lehre gefasste Theologie ausgerichtet hat. Nachdenklich macht auch, dass nicht einmal der gemeinsame Empfang von Geschenken und ökumenischer Hilfe die Basis für eine ökumenische Zeugnis- und Dienstgemeinschaft geworden ist, die so oft beschworen wurde. Erst ange­sichts der Not anderer, denen aus Dankbarkeit geholfen werden sollte, ist eine fast vorbehaltlose Diakonia in Koinonia möglich geworden.

Eine solche Skizze zeigt, wieviel wir noch zu lernen haben. Geschichte der Kirche Christi kann nicht nur aus der Perspektive derer betrachtet werden, die die personellen und finanziellen Ressourcen haben, sich darzustellen und ihre Erfahrungen zu publizieren. Es gibt neben der „veröffentlichten“ Geschichte auch noch eine verborgene. Ökumenische Diakonie kann mor­gen auch heißen, dem Partner das Wort zu ermöglichen, seine Stimme in die Diskussion einzubeziehen, seine Erfahrungen - auch wenn sie den gewohn­ten Vorstellungsrahmen sprengen - zu respektieren und die Geschichte ohne Vorurteile aufzuarbeiten.

Aus: 1957-1997. 40 Jahre Diakonische Arbeitsgemeinschaft evangelischer Kirchen. Hrsg. Diakonische Arbeitsgemeinschaft evangelischer Kirchen. Stuttgart, 1997. Seite 56-63.