Profilierung der freikirchlichen Diakonie

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Zum Selbstverständnis der Freikirchen

Von Pfarrer Armin Zielke, Fuldabrück, Diakoniedirektor der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), Vorsitzender der DAeK 1992 - 1996

„Die Freikirche betont im Unterschied zu Staatskirchen und Volkskirchen ihre Unabhängigkeit vom Staat in Lehre, Kultus und Verwaltung, vor allem aber die auf ausdrücklicher Willenserklärung beruhende Zugehörigkeit ihrer Mitglieder. Sie unterscheidet sich von Sekten durch ihre Bindung an die Bibel und die aus ihr abgeleitete Gestalt ihrer Gemeinden, aber auch durch ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit den anderen Kirchen in der Ökumene“ (Brockhaus- Enzyklopädie 1966, Band 6, Seite 570).

Die Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF), zu der fünf der in der Diakonischen Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossenen Kirchen gehören (Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden, Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, Bund Freier evangelischer Gemeinden, Evangelisch­methodistische Kirche, Die Heilsarmee in Deutschland sowie die Evangeli­sche Brüder-Unität im Gaststatus), präzisiert das in ihrer Selbstdarstellung: „Freikirchen unterscheiden sich von anderen Kirchen nicht durch Sonder­lehren. Sie zeichnen sich vor allem durch ein bestimmtes Kirchen- und Gemeindeverständnis sowie durch ihren Frömmigkeitsstil aus. Freie und persönliche Entscheidung für den Glauben an Jesus Christus und ein verbindliches Leben in seiner Nachfolge sind besondere Anliegen. Rechtlich und organisatorisch ver­treten die Freikirchen dem Staat gegenüber das Prinzip der Selbstfi­nanzierung und Selbstverwaltung und verzichten auf Besteuerung.“

Persönliche Bekehrung und Heilser­fahrung als subjektive Vergewisse­rung des Heils sind hier im gleich­zeitigen Bemühen um ethische Klarheit des Lebens bestimmende Faktoren in der Nachfolge Jesu. In der Selbständigen Evangelisch ­Lutherischen Kirche ist die Reinheit der Gnadenmittel (Wort und Sakra­ment) Mittel zum gewissen Glauben und zur Heilsgewissheit, wobei den Bekenntnissen der Kirche ein hoher Stellenwert zukommt.

Das Katholische Bistum der Alt-Katholiken in Deutschland besteht seit dem Ersten Vatikanischen Konzil 1870, in dem die Glaubenssätze von der Lehrunfehlbarkeit und dem bischöflichen Alleinanspruch des Papstes allgemein verpflichtend verkündet wurden. Die Altkatholische Kirche will ihr Bekenntnis und ihren Dienst im Sinne der ungeteilten Kirche bis zum Jahr 1054 gestalten und dem Wort des Evangeliums von Jesus Christus verpflich­tet leben.

Die Herrnhuter Brüdergemeine war von Gründung an diakonisches Werk, „eine Freiwilligkeitskirche, die Missionspflicht und Diakonie, Gemein­demäßigkeit und schlichte Bruderschaft all' ihrer Glieder innerhalb der evangelischen Kirche noch heute verkörpert“ (E. Beyreuther).

Die von der Erweckungsbewegung geprägten Kirchen der VEF verstehen sich von ihrer Intention her weitgehend als Freikirchen. Die Heilsarmee aller­dings gebraucht diesen Begriff nicht, sondern formuliert sich in ihrem Selbstverständnis als „volksmissionarisch-diakonische Bewegung, die nach neutestamentlichem Verständnis eine Kirche ist.“

Die Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche und die Altkatholische Kirche wiederum haben nur deshalb die Organisationsform der Freikirche, weil die landeskirchliche Struktur dies erforderlich gemacht hat und macht. Von der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche und ihren Vorgän­gerkirchen gilt: „Die evangelisch-lutherischen Freikirchen haben keine besondere freikirchliche Ekklesiologie und demgemäß auch kein freikirchli­ches Selbstverständnis. Sie sind nicht Freikirchen aus Prinzip, sondern aus praktischer Nötigung heraus.“

Obwohl allgemein als „Freikirchen“ im Gegenüber zu den „Volkskirchen“ benannt, gibt es keine Definition des Begriffes „Freikirche“, die von allen Kirchen und Bünden, die sich als solche bezeichnen, als befriedigend ange­sehen werden könnte. Darin kommt zum Ausdruck, dass jede dieser Kirchen ihr eigenes Selbstverständnis hat, das mit dem Begriff „Freikirchen“ in kei­ner Weise erschöpfend umrissen ist.“

Zum theologischen Ansatz der Diakonie in den Freikirchen

Das Ringen der Freikirchen um eine ihnen gemäße Struktur und juristische Form hat in je eigener Weise zu ihrer Profilierung beigetragen und zu ihrer Anerkennung durch Staat, Gesellschaft und andere Kirchen geführt. Sieg­fried Großmann, der in seinem Aufriss „Das Profil der freikirchlichen Diakonie“ drei zentrale Bereiche nennt, spricht hier von „Staatsungebun­denheit“, die für ihn neben „Gemeindegebundenheit“ und „Schriftgebun­denheit“ zum Profil freikirchlicher Diakonie gehört.

Aufgrund dieser Schriftgebundenheit wird in allen Freikirchen - ungeachtet ihrer problematischen Zusammenfassung unter der schwierigen Begrifflich­keit „Freikirche“ - diakonisches Handeln als wesentliche Aufgabe der Kir­che Jesu Christi erkannt und praktiziert. Gravierende Unterschiede in einer Anzahl theologischer Beurteilungen und Überzeugungen werden gegenseitig zugebilligt. Sie sind an keiner Stelle hinderlich, in guter Zusammenarbeit dem diakonischen Auftrag des gemeinsamen Herrn zu folgen.

„Für alle Freikirchen gehört die Diakonie zum Wesen der Kirche, und es ist ihnen bewusst, dass Kirche ohne Diakonie entstellte Kirche ist.“ Zu einer eigenen „Theologie der Diakonie“ ist es folgerichtig daher nie gekommen. Eine Notwendigkeit dafür wurde bisher nicht gesehen. Die theologische Arbeit an diakonischen Fragestellungen bleibt davon unberührt. Sie ist eine immer währende Herausforderung, die auch in Bezug auf das „Leitbild Dia­konie“ erkannt und aufgenommen wurde.

Die Beteiligung der Kirchen der Diakonischen Arbeitsgemeinschaft an dem Prozess „Leitbild Diakonie“, in dem sich die Diakonie seit Beginn der 90er Jahre befindet, hat 1996/97 zu schriftlichen Stellungnahmen und Arbeitssit­zungen geführt, deren Ergebnisse in kurzer Zusammenfassung unter dem 01.04.1997 dem Theologischen Ausschuss der Diakonischen Konferenz des DWEKD mitgeteilt wurden.  Zu jeder der acht Thesen werden in der Stel­lungnahme Ergänzungen bzw. Veränderungen vorgeschlagen.

Erstmalig ist es damit zu einer schriftlichen Formulierung gemeinsamer theologischer Anliegen der Kirchen der Diakonischen Arbeitsgemeinschaft (DAeK) gekommen, die ihr Profil wesentlich mitbestimmen. Konkret hinwei­sen möchte ich auf Aussagen zu a) Selbstverständnis, b) Handlungsfelder, c) Menschenbild und d) Verwurzelung (Tradition) der Diakonie.

a) Eine Darstellung des Selbstverständnisses der Diakonie hat ihre Basis im christologischen Bezug, da Christus Auslöser, Träger und Vollender allen diakonischen Handelns ist.

„Christus ist der Grund der Diakonie:

-       Durch die Hingabe seines Lebens zur Erlösung für alle Menschen.

-       Durch die Kraft und das Vorbild seiner Liebe und Barmherzigkeit.

Christen sind die Träger der Diakonie:

-       Durch die Liebe, die aus ihrem Glauben erwächst und sie zu partnerschaftlichem Geben und Nehmen in der Nachfolge Jesu befähigt.

-       Durch den Dienst des Gehorsams nach dem Willen Gottes und das Vorbild Jesu, der menschliche Not lindert und Gottes Güte preist" (K. Wengenroth).

Diakonisches Tun ist - im Gegenüber zu sozialem Engagement - immer Handeln in der Nachfolge Jesu. „Unser Glaube ist kein Selbstzweck. Er drückt sich in konkreten Taten aus und in der Art, wie wir tun, was wir tun. Dabei geben wir weiter, was wir von Gott empfangen haben. In der Nach­folge Jesu Christi stehend wissen wir: Ursache und Ziel der Diakonie ist die Versöhnung mit Gott. In partnerschaftlichem Geben und Nehmen helfen wir. Dabei können Glaube und Persönlichkeit wachsen" (O. Imhof).

b) Im Handlungsfeld der Diakonie ist von grundlegender Bedeutung, dass zur Leibsorge die Seelsorge hinzutritt. Sie ist wesentlicher Bestandteil diakoni­schen Handelns. Der Mensch wird ganzheitlich gesehen und angenommen. Mitte und Ziel des Lebens, die Gott setzt, werden anerkannt. "Weil Heil und Wohl untrennbar verbunden sind, vollzieht sich Diakonie in Wort und Tat als ganzheitlicher Dienst am Menschen" (K. Morgenroth).

„Unser Ziel ist es, sowohl dem einzelnen Menschen als auch der Gemein­schaft der Menschen die Hilfe anzubieten, die Not wendet. Wir wollen begleiten und beraten, pflegen und heilen, trösten und stärken, fördern und bilden. Wir stehen besonders denen bei, deren Stimme in der Gesellschaft nicht gehört oder überhört wird. Wir verbinden mit unserem Dienst Ange­bote der Sinngebung, des Glaubens und der Seelsorge“ (G. Winkmann).

Auch gegenüber den in der Diakonie Tätigen wird es zunehmend notwendig und dringlicher, auf die Ganzheitlichkeit ihres Dienstes hinzuweisen und diesen herauszustellen: „Wir nehmen den Menschen wahr in seiner Beziehung zu sich selbst, zu anderen Menschen und zu Gott. Zu unserem Dienst gehören die Verkündigung des Evangeliums und das Angebot der Seelsorge“ (O. Imhof). Letztgenannte Aufgaben wird nicht jeder übernehmen können oder auch wollen. Wo immer jedoch Diakonie gelebt wird, werden sich Men­schen dafür gern zur Verfügung stellen.

c) „Das biblische Menschenbild hat zwei Bezugspunkte: Schöpfung und Fall des Menschen. Die Würde des Menschen definiert sich deshalb sowohl aus dem Schöpfungswillen Gottes als auch aus seinem Erlösungshandeln. Neben dem Ersten Artikel Luthers (Von der Schöpfung) ist der Zweite Artikel (Von der Erlösung) zur Kennzeichnung des Menschenbildes nach unserer Über­zeugung unverzichtbar heranzuziehen" (S. Süß).

Anfang in genannter Stellungnahme der Diakonischen Arbeitsgemeinschaft wird dazu u. a. ausgeführt: „Es ist u. E. wesentlich, deutlich zu machen, dass die unverlierbare Würde des Menschen trotz aller Versuche des Menschen besteht, sich von Gott zu lösen.“ - Von Gott geschaffen und von Christus ­erlöst, ist der Mensch für die Bewahrung der Schöpfung verantwortlich. Dadurch vollzieht sich ein Stück Heiligung, Leben aus dem Glauben heraus.

d) Auf die Notwendigkeit, in der Formulierung des Leitbildes den christolo­gischen Bezug möglichst klar hervortreten zu lassen, wiesen die Kirchen der Diakonischen Arbeitsgemeinschaft auch dadurch hin, dass als Überschrift für die 4. These „Verwurzelung der Diakonie“ statt „Tradition der Diakonie“ empfohlen wurde. Dies findet auch in dem unterbreiteten Formulierungs­vorschlag seinen Niederschlag: „Diakonisches Handeln versteht sich als Antwort auf den Dienst Jesu Christi unter den Menschen. Darum wenden wir uns auch aus der Hoffnung des Glaubens den Menschen in Liebe zu. Dia­konie will auch in Zeiten menschlicher und gesellschaftlicher Not die Ver­heißung von Frieden, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit aufrechterhalten. Daher versteht sich diakonisches Handeln als Annahme eines Auftrages von Jesus Christus her“ (G. Winkmann).

Mit ihren Beiträgen zur Leitbild-Diskussion wollen die Freikirchen keine eigene „Theologie der Diakonie“ (s. o.) entwickeln. Auch sind sie nicht daran interessiert, dem „Leitbild Diakonie“ gleichsam den Charakter eines „Glau­bensbekenntnisses“ verleihen zu wollen. Allerdings ist ihnen ein grundle­gendes Anliegen, ihre Schriftgebundenheit auch in dieser so umfassenden Wesens- und Lebensäußerung der Kirche Jesu Christi zur Sprache zu bringen. Folgerichtig vollzieht sich Profilierung freikirchlicher Diakonie in einer je länger desto mehr säkularisierten Welt, deren Einfluss im diakonischen Bereich zusehends spürbar wird, auch im fortlaufenden Bestreben, die Heili­ge Schrift als bleibende Mitte zu behalten und in persönlicher Christusnachfolge zu bezeugen.[1]

Zum diakonischen Potential der Freikirchen

Zum Diakonischen Werk der EKD gehören 24 Landeskirchen mit ca. 28 Mil­lionen Mitgliedern; zur Diakonischen Arbeitsgemeinschaft evangelischer Kirchen acht Freikirchen mit ca. 250.000 Gemeindegliedern. Das sind auf den ersten Blick zwei sehr ungleiche Größen. Doch statistische Angaben allein geben über das diakonische Potential keine hinreichende Auskunft. Der Einsatz des Einzelnen ist ausschlaggebend. Konkret: Wie viele (oder wenige) sind in einer Kirche bereit, bewusst als Glieder in der Christusgemeinschaft zu leben, d. h. Christus als persönlichen Herrn anzuerkennen und sich ihm zur Verfügung zu stellen. Dabei geht es hier nicht um einen bewer­tenden Vergleich unter Kirchen, sondern um eine Bestandsaufnahme. Gott hat viele Möglichkeiten, seiner Kirche, wo und wie er will, Stärken zu ver­leihen. Das gilt in je eigener Weise auch für die Freikirchen, deren diakoni­sches Potential sichtbarer Ausdruck eines Teils ihrer Profilierung ist.

Der katholische Theologe Wilhelm Bartz formuliert: „Das Wesentliche der Freikirche ist die uneingeschränkte und bewusste Hingabe an die Botschaft Jesu Christi, der Wille, eine Gemeinschaft der Heiligen zu sein ... Der frei­kirchliche Gläubige ist ganz Glied seiner Kirche, für die er sich frei ent­schieden hat, an deren Leben er nicht nur äußerlich teilnimmt, für die er per­sönliche Opfer bringt, nicht zuletzt auch finanzielle, für die er sich verantwortlich weiß. Die Kirche, das ist er.“ Von diesem Ansatz her wird verständlich, dass die Freikirchen einen für deutsche Verhältnisse über­durchschnittlichen Gottesdienstbesuch mit einem entsprechend regen Gemeindeleben haben, mit dem Einsatz ihrer Kirchglieder rechnen und arbeiten können sowie wirtschaftlich von den freiwilligen Gaben ihrer Christen leben.

Letzteres hat auch Auswirkungen auf die Diakonie, wo z. B. die Kirchen der Diakonischen Arbeitsgemeinschaft mit dem höchsten Spendenbetrag für „Brot für die Welt“ den achtfachen Durchschnitt pro Kirchglied im Vergleich mit der Landeskirche erzielt hat, die in diesem Bereich das höchste Spen­denaufkommen hatte. Hinzu kommen u. a. Mittel für „Kirchen helfen Kir­chen“ und „Hoffnung für Osteuropa“.

Weit wichtiger als die finanzielle Beteiligung ist jedoch der personelle Ein­satz, der, angefangen mit einer überdurchschnittlichen Beteiligung am „Dia­konischen Jahr“, sowohl in der Gemeinde- als auch der Anstaltsdiakonie zu finden ist. Eine Zusammenstellung der diakonischen Einrichtungen der Frei­kirchen lässt erkennen, dass sie im Vergleich zu ihrem Mitgliederbestand eine Vielzahl von Aufgaben übernehmen, die sich auf alle sozialen Bereiche, besonders auch auf die Randbezirke, erstrecken.

Die Evangelisch-methodistische Kirche (EmK) spricht in diesem Zusam­menhang konkret von der „Heiligung“ als einem Schwerpunkt ihrer Aufga­ben: „Mit anderen Worten: Der Glaube an Christus soll sich durch die Tat als echt erweisen. Dabei ist gleichermaßen der Alltag in seinen Lebensbezü­gen gemeint wie auch die Verantwortung für die Gesellschaft. Die „Sozialen Grundsätze der EmK“ legen z.B. davon Zeugnis ab, dass der Glaube auch eine gesellschaftliche Dimension hat.“

Die Kleinheit der Gemeinden in den Freikirchen erweist sich auch in der diakonischen Arbeit als vorteilhaft. Die Ordnungsstrukturen sind sowohl in der Gemeinde als auch in der jeweiligen Kirche in der Regel zurückhaltend und übersichtlich. Das lässt Freiräume für Spontaneität. Durch die starke Ein­bindung in die Ortsgemeinden gibt es eine unmittelbare Wahrnehmung konkreter Notlagen, die direkte Lösungen ermöglicht, was bei Großorgani­sationen und Mitarbeitern mit beamtenähnlichem Status sehr erschwert ist. Unmittelbare Nähe zur Basis gehört zu den Kennzeichen und Vorteilen die­ser diakonischen Arbeit und ist wesentlicher Teil ihres Potentials. Analysen gesamtgesellschaftlicher Verhältnisse treten daneben zurück und damit auch ein darauf ausgerichteter diakonischer Einsatz.

Mission, Evangelisation und Diakonie sind von Gott gesetzte Aufgaben, die eine Kirche nicht nur tangieren, sondern über ihre Existenzberechtigung ent­scheiden. Die Bindung an Gott führt zum Nächsten. Wo das „Suchen des Verlorenen“ in seiner Ganzheitlichkeit, d.h. in allen seinen Lebensbezügen, nicht mehr gegeben ist, verliert die Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen ihren Sinn und ihre ureigenste Aufgabe. Dass viele Glieder der Freikirchen von dieser biblischen Wahrheit geprägt und durchdrungen sind, ist mitent­scheidend für die Profilierung freikirchlicher Diakonie.

Emil Brunner stellt zur Verdeutlichung die Verbindung der „Horizontalen“ zur „Vertikalen“ her, wenn er von Kirche spricht: „Darin, dass sie beides ist, Gemeinschaft des Christus oder des Heiligen Geistes und „Gemeinschaft miteinander“ (1. Joh. 1,7), diese Verbindung des Horizontalen mit dem Vertikalen, der Gottverbundenheit und der Menschenverbundenheit, das ist ihr völlig analogieloses, nur ihr eigenes Sein. Das Miteinander der Menschen ist darum nicht etwas Sekundäres, Akzidentielles, es gehört zu ihrem Wesen ebenso wie das „Sein in Christus“. Das „Sein in Christus“ setzt den Men­schen in Bewegung.

In der Zusammenarbeit mit ihren kirchlichen Partnern ergeben sich für die Freikirchen regelmäßig und relativ häufig Gelegenheiten, im gegenseitigen Geben und Nehmen ihr diakonisches Potential einzubringen. Ein perma­nenter Dialog mit dem DWEKD ist durch dessen Mitgliedschaft in der Dia­konischen Arbeitsgemeinschaft gewährleistet, zumal der Präsident des DWEKD jeweils im Wechsel mit einem Vertreter der Freikirchen der erste oder zweite Vorsitzende ist. Das dort praktizierte gute Miteinander setzt sich in der Diakonischen Konferenz fort, in der jede der acht Freikirchen mit Sitz und Stimme vertreten ist. Stellvertretender Vorsitzender im Diakonischen Rat ist in der Regel ein Mitglied der Freikirchen.

Die Mitglieder der Diakonischen Arbeitsgemeinschaft haben auf diese Weise sowie durch Mitarbeit in einer Reihe von Ausschüssen und· durch ihren Geschäftsführer mannigfache Gelegenheit, als gleichberechtigte Partner  Beiträge zu leisten und Anliegen einzubringen. „So leistet die freikirchliche Diakonie indem, was sie theologisch und praktisch einbringt, einen wesent­lichen Beitrag zum Dienst der Kirche Jesu Christi in der Welt“ (J. Riedinger).

Zu Gefahren und Schwerpunktsetzungen

In den 13 Jahren, die ich bisher in der Diakonischen Arbeitsgemeinschaft mitarbeiten konnte, sind, so mein Eindruck, das Miteinander und die Zusammenarbeit der beteiligten Kirchen je länger desto mehr gewachsen. Dies wurde auch durch den Fall der Mauer gefördert. Positionsklärungen werden vorgenommen, gemeinsame Anliegen unter Bewahrung des jeweili­gen oder auch gemeinsamen freikirchlichen Propriums zielstrebig und kon­kret vertreten. Auf dem weiteren Weg wird es verstärkt wichtig sein, Gefah­ren zu erkennen und Schwerpunkte zu setzen.

-       Profilierung wäre falsch verstanden, wollten die Freikirchen ihre Kräfte in dem breit gefächerten Rahmen einsetzen, wie dies großen diakonischen Organisationen möglich ist, dazu womöglich mit der Vorstellung: Wir tun es besser. Vielmehr geht es um Konzentrieren der eigenen Kräfte und Mit­tel, um Maßhalten und Wahrnehmen der gegebenen Möglichkeiten, um Arbeitsteilung und Delegierung.

-       Die Verwendung öffentlicher Gelder eines regressiv „einsatzfreudigen“ Sozialstaats bei Unterstützungsaktionen im diakonischen Bereich darf nicht den ureigensten Auftrag der Kirche, den Notleidenden und Kranken als Antwort auf die empfangene Liebe Gottes zu helfen, verdunkeln oder zudecken. Bei der Gratwanderung zwischen Unabhängigkeit und Koope­ration verliert die Diakonie ein Stück ihres Profils, wenn die Gaben der Kirchglieder durch öffentliche Mittel verschüttet oder gemindert werden und damit ihre Mitverantwortung blockiert oder erübrigt wird.

-       Hand in Hand damit geht die bewusste Unterscheidung von diakonischer Arbeit und Sozialarbeit des Staates. Dabei wird die Diakonie verstärkt dar­auf zu achten haben, dass  sie die Schwerpunkte ihrer Arbeit in die Bereiche legt, in denen christlicher Glaube und Nächstenliebe einen spezifischen Beitrag leisten können.

-       Diakonischer Einsatz darf nicht dazu führen, möglichst „alle Dinge in Staat, Gesellschaft, Familie und beim Einzelnen weitgehend „reparieren“ zu wollen. Primär geht es um Hilfe zur Selbsthilfe, Zuwendung jeder Art als Starthilfe, dann aber um Ermutigung und Ermahnung, für sich selbst zu sorgen. Nach lutherischem Verständnis von „Gottesdienst“ liegen die primären Zuständigkeiten bei Familie und Gemeinde, nicht aber bei gemeindeübergreifenden kirchlichen Organisationen.

-       Eine weitere Profilierung freikirchlicher Diakonie wird sich einstellen, wenn der diakonische Auftrag eine erheblich stärkere Gewichtung in Unterweisung, Ausbildung und Verkündigung erhält. Beginnend beim Kindergottesdienst ist - mit Schwerpunktsetzung bei der Ausbildung des theologischen Nachwuchses - in jeder Altersgruppe aufgrund des biblischen Befundes zu einem „diakonischen Leben“ in der Nachfolge dessen zu ermutigen, der den Seinen auch heute zuruft: „Ein Beispiel habe ich euch gegeben, dass ihr tut, wie ich euch getan habe“  (Joh. 13,15).

Aus: 1957-1997. 40 Jahre Diakonische Arbeitsgemeinschaft evangelischer Kirchen. Hrsg. Diakonische Arbeitsgemeinschaft evangelischer Kirchen. Stuttgart, 1997. Seite 21-29.

[1] Zum „Leitbild Diakonie“ wurden Beiträge von den folgenden Autoren geschrieben, die in der DA vorliegen: Otto Imhof, Klaus Morgenroth, Gott­hard Schüttel, Stefan Süß, Karl Wengenroth, Günter Winkmann, Armin Zielke.