Über die Anfänge

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Von Prof. Dr. Dr. Theodor Schober, Göttingen, Präsident i. R. des Diakonischen Werkes der EKD, Vorsitzender der DAeK 1977 - 1982

I.

Die Diakonische Arbeitsgemeinschaft evangelischer Kirchen ist nicht 1952 vom Himmel gefallen. Es lohnt sich, viel weiter zurückliegenden diakoni­schen Berührungen zwischen prägenden Persönlichkeiten aus dem landeskirchlichen Bereich und aus einzelnen Freikirchen nachzugehen und dann sich die einzelnen Schritte des Aufeinander-Zugehens bewusst zu machen.

1) Es ist dem Begründer der ersten Baptistengemeinde auf dem Kontinent, Johann Gerhard Oncken, auch die Entstehung der Sonntagsschule in der Hamburger Vorstadt St. Georg zu verdanken, an der Wichern seit 1832 als Oberlehrer tätig gewesen ist. Oncken, geboren im nördlichen Oldenburg, hatte mehrere Jahre in Schottland und England gelebt und 1820 in einer Lon­doner Methodistenkirche eine Bekehrung erfahren. 1823 trat er in den Dienst der Continental Society for the Diffusion of Religious Knowledge over the Continent of Europe, die es als ihre besondere Aufgabe ansah, im Geist der englischen Erweckungsbewegung der Macht des Rationalismus auf dem Kontinent durch Entsendung von Evangelisten entgegenzuwirken. Als deren Agent ging er nach Hamburg. Hier gab er dem Pfarrer von St. Georg, Johann Wilhelm Rautenberg, den Anstoß zur Gründung einer Sonntagsschu­le, wie er sie in England kennengelernt hatte. Oncken beteiligte sich nicht am Unterricht, sondern diente der Sonntagsschule als Sekretär, 1833 legte Oncken jedes Amt nie­der, weil er sich inzwischen baptistischen Anschauungen zugewendet hatte, blieb aber weiterhin Mitglied des Sonntagsschulvereins. Am 22.  April 1834 wurde an Oncken und sechs weiteren Personen durch Untertauchen in der EIbe die Taufe vollzogen und am nächsten Tage in seiner Wohnung die erste deutsche Baptistengemeinde konstituiert. Während sich die Wege Wicherns und Onckens mehr zufällig gekreuzt haben, kann bei Fliedner  von einer echten Anregung aus dem freikirch­lichen Raum gesprochen werden. Bei seinen Kollektenreisen hatte er 1823 in Amsterdam das Diakonissenamt, bei den Mennoniten kennengelernt und in England von dem Einsatz der Quäkerin Elisabeth Fry für die Gefangenen gehört; im Juli 1832 begegne­te er ihr selbst und ließ sich zur Errichtung eines Asyls für weibliche Strafentlassene anregen, das 1833 in Kaiserswerth entstand. Natürlich wusste auch Wichern von Elisabeth Fry; in Wittenberg sagte er 1848 von ihr: „Ein neues Ostern der Liebe für die Gefangenen ist von ihr ausgezogen und hat Frankreich, die Schweiz, Italien und Russland durchzogen und auch Deutschland seinen Segen erfahren lassen.“

Trotz dieser Berührungen in der Frühzeit ist es keineswegs so, dass die Geschichte der Inneren Mission in der Folgezeit durch eine besondere Offenheit gegenüber den Freikirchen gekennzeichnet wäre. Bei den Kongressen für Innere Mission kommen die Freikirchen oder das Verhältnis zu ihnen nicht zur Sprache; auch die Fliegenden Blätter schweigen darüber. Die von Theo­dor Schäfer seit 1875/76 herausgegebene Monatsschrift für Diakonie und Innere Mission bringt allerdings einige oft sehr kritische Beiträge über die Methodisten.

Anhaltend positiv war in jener Zeit lediglich das Verhältnis zur Brüderge­meine. Dass sie allgemein als gleichberechtigt anerkannt wurde, kam schon darin zum Ausdruck, dass § 3 des „Programms“ für die Beratungen des Wit­tenberger Kirchentages feststellte: „Der evangelische Kirchenbund umfasst alle Kirchengemeinschaften, welche auf dem Grunde der reformatorischen Bekenntnisse stehen, namentlich die lutherische, die reformierte, die unierte und die evangelische Brüdergemeine.“ In der Aussprache über § 3 warf ein Pastor aus Ostfriesland die Frage auf, ob „auch die mennonitischen Gemein­den“ als solche angesehen würden, „die auf dem Grunde der reformatori­schen Bekenntnisse stehen“ und erklärte: „In den unter uns befindlichen mennonitischen Gemeinden entwickelt sich ein neues evangelisches Leben. Diese möchten wir nicht ausschließen, als Brüder, die fest auf dem einen Grunde stehen.“ Auch ein Prediger aus Danzig sprach sich für die Berück­sichtigung der Mennoniten aus, „bei denen sich in Westpreußen viel christ­liches Leben zeigt“. Der Vorsitzende - wahrscheinlich von Bethmann-Holl­weg - wollte es „dem künftigen Ausschuss (zur Vorbereitung des Kirchenbundes) nicht verwehren, sich mit ihnen in Beziehung zu setzen“.

Schon 1849 konnten die Fliegenden Blätter mitteilen, dass die Ältestenkonferenz der Brüder- Unität auch über „das Werk der Inneren Mission“ beraten werde, und 1852 heißt es hier: „Die Teilnahme der Brüdergemeine an der Arbeit der Inneren Mission gehört mit zu den ermunternsten Zeugnissen für diese Arbeit im allgemeinen, ist aber Zugleich ein Beweis, wie lebendig man in der Brüdergemeine sich der Zusammengehörigkeit und Einheit mit der evangelischen Kirche überhaupt bewusst ist.“ Wichern besuchte im Juni 1853 Herrnhut und war stark beeindruckt; er schrieb damals: „Ich habe hier zum ersten Male erfahren was ein Gottesdienst und Gemeindegebet in einer wahren, geordneten, christlichen Gemeinde bedeutet.“ Auch in Berlin besuchte er später gern den Gottesdienst der Brüdergemeine. Seit 1854 gehörte immer ein Mitglied der Unitäts-Ältestenkonferenz oder der Direkti­on zu den Agenten des Central-Ausschusses, und 1919 schloss sich die Brü­dergemeine selbst dem CA an. Im Protokoll über die Sitzung des CA am 11. März 1919 heißt es: „Die Direktion der evangelischen Brüder-Unität bit­tet, unter die Zahl der dem CA angeschlossenen Vereine und Körperschaften aufgenommen zu werden. Da die Brüdergemeine in ihrer Gesamtheit bei vie­len Arbeiten der Inneren Mission mitbeteiligt ist oder solche als ihre eigenen Werke aufgenommen hat, da sie besonders in der Erziehungsarbeit unter dem Gesichtspunkte für das Wirken des Reiches Gottes in unserem Volke reiche Erfahrungen und Erfolge aufzuweisen hat, wird der Anschluss gern und freudig bewilligt.“

2) Nach dem Ersten Weltkrieg kam es zu einer deutlichen Annäherung von Freikirchen und Innerer Mission. Den ersten Vorstoß unternahm der Evan­gelische Reichs-Erziehungs-Verband (EREV) der im März 1920 von der Mitgliederversammlung des Evangelischen Erziehungsamtes in Erfurt ins Leben gerufen worden war, weil in der damaligen Situation ein Zusammenschluss aller auf dem Gebiet der Jugenderziehung tätigen evangelischen Verbände erforderlich schien, „um den Bestand ihrer Arbeit zu erhalten und die evan­gelischen Erziehungsgrundsätze gegenüber allen öffentlichen Anfeindungen zu behaupten“. Diese Beurteilung der Situation war es auch, die dazu führ­te, dass der EREV die Baptisten zum Anschluss aufforderte. Tatsächlich bean­tragte die Vereinigte Bundesverwaltung für den Bund der Baptistengemein­den in Deutschland den Anschluss des Bundes an den EREV. Prediger Alfred Scheve teilte dies am 12.Oktober 1920 mit und erklärte dabei: „Die Verei­nigte Bundesverwaltung ist überzeugt, dass es Pflicht aller evangelischen Christen ist, in dieser Zeit der Scheidung der Geister die Gemeinsamkeit aller evangelischen Sonderkirchen zu betonen und zu gemeinsamen Arbeiten in einem konfessionslosen Staate die Hand zu bieten.“ Als sich aber bei Mitgliedern des EREV Bedenken zeigten, bekam Prediger Scheve am 8. Februar 1921 die Mitteilung, man habe beschlossen, „von der formellen Aufnahme des Bundes der Baptistengemeinden in den Evangelischen Reichs-Erziehungs-Verband abzusehen, zu gemeinsamer Arbeit auf dem Gebiet der evangelischen Erziehung in der Form der freien Arbeitsgemeinschaft aber die Hand zu bieten“.

Im April 1925 schrieb der Direktor des EREV an Prediger Scheve: „Die Frage des Beitritts ruht nun seit einiger Zeit. Ob es nicht empfehlenswert wäre, wenn Sie mit Ihrer Wohlfahrtsarbeit der Wohlfahrtsabteilung des Central-­Ausschusses für Innere Mission sich angliedern könnten?“ Scheve nahm diese Anregung dankbar auf, und möglicherweise ist es darauf zurückzuführen, dass in der Vorstandssitzung des CA am 1. Dez. 1928 die Frage auf­geworfen wird, „ob auch die Wohlfahrtsorganisation der deutschen Baptisten in den CA aufgenommen werden kann“. Das Protokoll fährt fort: „Manche der Anwesenden sprechen sich dafür aus, gerade mit Rückwirkung auf die großen Freikirchen in England und Amerika. Der Präsident (Seeberg) bittet, diese Frage zurückzustellen, da man heute noch nicht zur Klarheit darüber kommen könne. Man möge den Antrag in der nächsten Sitzung wiederho­len“ (ADW; CA 6Tb). Das geschah jedoch nicht, und dieser in jener Zeit letz­te Vorstoß ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil er mit der Rücksicht auf die angelsächsischen Freikirchen schon damals eine Überlegung artikuliert, die nach 1945 großes Gewicht erhalten sollte.

Der EREV war nicht der einzige Verband, der in den 20er Jahren entstand. Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg ist vielmehr im Bereich der gesamten freien Wohlfahrtspflege gekennzeichnet durch die Bildung umfassender Zusammenschlüsse. Zwar hatten sich die katholische und die jüdische Wohlfahrtspflege schon 1897 im Caritasverband für das katholische Deutschland bzw. 1917 in der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden organisiert. Die übrigen Wohlfahrtsverbände wurden jedoch erst nach dem Kriege ins Leben gerufen. Nachdem 1919 der Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt entstan­den war, schloss sich 1920 der CA mit den Landes- und Provinzialvereinen sowie den Fachverbänden zum Centralverband der Inneren Mission zusammen; 1921 folgten das Deutsche Rote Kreuz und der Zentralwohlfahrtsaus­schuss der christlichen Arbeiterschaft und 1924 der sog. 5. Wohlfahrtsver­band. Wenn nicht alles täuscht, wurde das Bedürfnis nach engerem Zusammenschluss auch im freikirchlichen Raum empfunden; jedenfalls ent­stand 1920 aus der 1907 gegründeten Freikirchlichen Diakonie-Konferenz der Verband der Evangelisch-Freikirchlichen Diakonissen-Mutterhäuser. 1940 wurde auch das "Haus für alt-katholische· Krankenschwestern" in Bonn dem CA als Fachverband angeschlossen.

3) Nach 1945 hat sich die Zusammenarbeit mit den Freikirchen besonders infolge der Gründung des Hilfswerks intensiviert. Allerdings spielte die Kooperation mit den Freikirchen in der vorbereitenden Planung Eugen Ger­stenmaiers zunächst nur eine untergeordnete Rolle: Das Hilfswerk war als eine „Ausgleichs- und Vermittlungsorganisation“ konzipiert, die an den „Apparat der großen kirchlichen Institutionen“ angeschlossen werden soll­te, weil sie allein noch über die Grenzen der Besatzungszonen hinweg arbeitsfähig seien (Vgl. Gerstenmaier, Memorandum vom 16.06.1945). Die Freikirchen waren zu klein, um hierbei als wesentlicher Faktor in Betracht gezogen zu werden.

Bei der Gründung des Hilfswerks auf der Kirchenführerkonferenz in Treysa vom 27.-31.08.1945 wurde aber abweichend von den bis dahin aufgestellten Plänen die Bildung eines „Nationalen Wiederaufbau-Ausschusses“ beschlos­sen, wie er bereits in den Vereinigten Staaten, in Schweden, der Schweiz und Großbritannien bestand. Die dem Ökumenischen Rat angehörenden Freikir­chen seien eingeladen, heißt es in dem Schreiben, mit dem Bischof Wurm die vollzogene Gründung den Landeskirchen und kirchlichen Verbänden mit­teilte, ihre Vertreter in den Wiederaufbau-Ausschuss zu entsenden. Die Frei­kirchen waren in Treysa aber nicht vertreten gewesen. So stellte sich nun das Problem, dass in den ersten Wochen nach der Konferenz nicht zu ermitteln war, welche von ihnen für eine solche Einladung in Frage kämen. Gersten­maier bat deshalb den Ökumenischen Rat um Aufklärung. Dessen Antwort zeigt, dass ihm im Interesse der Weiterentwicklung seiner eigenen Beziehun­gen zu den amerikanischen Denominationen die Einbeziehung der deut­schen Freikirchen in das Hilfswerk ein dringendes Anliegen war.

Die Entwicklung in der ersten Jahreshälfte 1946 zeigt aber, dass die Mitgliedschaft der Freikirchen im Hilfswerk der EKD noch keine Selbstver­ständlichkeit war. Ende Januar, auf der ersten Sitzung des Wiederaufbau-­Ausschusses seit Treysa, äußerte nämlich Gerstenmaier gegenüber dem methodistischen Vertreter Sommer, „die Methodistenkirche könne unmit­telbar mit dem ökumenischen Rat in Genf in Verbindung treten“. Daraus muss man schließen, dass Gerstenmaier diese Kirche trotz der schon vor Monaten ergangenen Einladung nicht als Mitglied des Hilfswerks betrachte­te. Sommer richtete seine Hilfsersuchen zunächst unmittelbar an die Genfer Wiederaufbau-Abteilung. Als der Wiederaufbau-Ausschuss im Mai 1946 erneut zusammentrat, stand auch die Zusammenarbeit mit den Freikirchen wieder zur Beratung. Diese müsse, erklärte Gerstenmaier, vor allem im Hin­blick auf die Mennoniten, Baptisten und Methodisten erneut geprüft werden. Entweder bildeten diese Kirchen, die außerhalb Deutschlands große Denominationen seien, ihr eigenes Hilfswerk und es werde eine Dachorga­nisation geschaffen, die diese Hilfswerke mit dem Hilfswerk der EKD zusammenschließe oder diese Kirchen träten dem Hilfswerk der EKD mit allen Rechten und Pflichten bei und würden wie jede andere Landeskirche behandelt. Diese Lösung ziehe er vor. Der Wiederaufbau-Ausschuss stimmte dem einhellig zu; in den folgenden Monaten erklärte dann eine ganze Reihe von Freikirchen ihren Beitritt zum Hilfswerk (Bund Ev.-Freikirchlicher Gemeinden (6.5.), Ev.-Iuth. Freikirche (15.6.), Bischöfliche Methodisten­kirche (20.6.), Bund Freier evangelischer Gemeinden Deutschlands (5.9.), Alt-Katholisches Hilfswerk (24.9.1946), Vereinigung der deutschen Menno­nitengemeinden, Evangelische Bruder-Unität, Evangelische Gemeinschaft, Heilsarmee. Um ihre Vertretung auch im Exekutivkomitee des Wiederauf­bau-Ausschusses sicherzustellen, kooptierte dieser bereits in seiner konsti­tuierenden Sitzung am 19.07.1946 J. W. Ernst Sommer als freikirchliches Mitglied.

Bereits zwei Tage vor der Sitzung des Wiederaufbau-Ausschusses hatte Gerstenmaier in seiner Rede in der gemeinsamen Sitzung des Rates der EKD und der Kirchenleitungen auf die bevorstehende Entwicklung hingewiesen:        „Zu dieser Solidarität des Elends (in der sich die Arbeit des Hilfswerks vollziehe) bekennen sich mit uns die deutschen Freikirchen. Dem Aufbau des öku­menischen Werkes entsprechend und den Arbeitsgrundsätzen des Recon­struction Committee des Ökumenischen Rats folgend wird sich der Wie­deraufbau-Ausschuss der Evangelischen Kirche in Deutschland in wenigen Wochen zu einem Wiederaufbau-Ausschuss der Evangelischen Kirchen Deutschlands erweitert haben. Damit wird das Hilfswerk unbeschadet des­sen, dass es aus formalrechtlichen Gründen „Hilfswerk der Evangelischen Kirche in Deutschland“ bleibt, den gesamten deutschen Protestantismus einmütig und geschlossen im Werk der Hilfe und des Wiederaufbaus vereini­gen. Die Freikirchen nehmen, ohne dass ihre kirchliche Selbständigkeit davon berührt wird, in gleicher Weise, mit denselben Rechten und Pflichten wie jede Landeskirche, an dem Hilfswerk teil.“

Schon bei den Verhandlungen am 05.09.1946 gab J. W. Ernst Sommer den Vertretern des Zentralbüros zu bedenken, „ob nicht der Titel „Hilfswerk der Evangelischen Kirche“ durch Anhängung des Buchstabens "n" so geändert werden könne; dass die Freikirchen das feste Bewusstsein haben könnten, mit umfasst zu sein.“ In der nächsten Sitzung des Exekutivkomitees - der ersten, in der Sommer die Freikirchen vertrat - wurde beschlossen, so zu verfahren. Das Zentralbüro begann alsbald, sich des neuen Namens zu bedienen. Aller­dings entstand dadurch hinsichtlich der Beziehung des Hilfswerks zur EKD eine gewisse Unklarheit. Dass die Namensänderung - sie war freilich unter dem Vorbehalt erfolgt, dass die Rechtsstellung des Hilfswerks davon unberührt bleibe - ohne vorherige Zustimmung des Rates der EKD vorge­nommen wurde, ist von manchen Kritikern als Eigenmächtigkeit Gersten­maiers getadelt worden.

4) Auf der Tagesordnung der Sitzung des Rates der EKD am 25./26.01.1947 stand ein seit längerer Zeit vorgesehener Bericht Gerstenmaiers über die Arbeit des Hilfswerks. Kurz vor dieser Sitzung forderte Asmussen Gersten­maier auf, sich zur rechtlichen Stellung der landeskirchlichen Hilfswerke gegenüber den Landeskirchen und des Hilfswerks der EKD gegenüber dem Rat der EKD zu äußern, da hierüber „Unklarheiten“ aufgetreten seien. In seinem Referat führte Gerstenmaier dann aus, dass gerade nach der Aufnahme der Freikirchen als gleichberechtigte Mitglieder der Rat der EKD nicht die alleinige Zuständigkeit für das Hilfswerk haben könne und dass es von der endgültigen Verfassung der EKD abhänge, „in welcher Weise das Hilfswerk als Organ der Kirche darin seine Stellung finden würde“.

Mitgliedskirchen „wie jede andere Landeskirche“ wurden die Freikirchen freilich nie. Dafür lassen sich im Wesentlichen folgende Gründe angeben: Auf dem Verhältnis von Freikirchen und „Staatskirche“ lasteten Hypotheken aus der Vergangenheit. Großen Denominationen in den Vereinigten Staaten entsprachen nur sehr kleine deutsche Schwesterkirchen. Die Frei­kirchen unterwarfen sich verständlicher Weise nicht dem Prinzip des Hilfswerks, Bittgesuche an das Ausland ausschließlich über das Zentralbüro zu leiten und von diesem zu einer einheitlichen Planung zusammenfassen zu lassen. Die Freikirchen ihrerseits klagten, „dass die Zusammenarbeit zwi­schen den meisten Hauptbüros und den Freikirchen in keiner Weise erfreu­lich sei, dass bei vielen Hauptbüros die freikirchlichen Vertreter als lästige Bittsteller behandelt würden“. Daher wurde im Februar 1948 - in einer „streitbaren Sitzung“ eine neue Vereinbarung ausgehandelt, in der den Frei­kirchen größerer Einfluss auf die Spendenverteilung und eine höhere Pro­-Kopf-Beteiligung am Spendenaufkommen zugestanden wurde.

Im Frühjahr 1948 legte das Zentralbüro einen Entwurf für eine Verfassung des Hilfswerks - dieses arbeitete immer noch ohne Satzung! - vor, der davon ausging, dass es eine „Wesens- und Lebensäußerung der Kirche“, und somit Bestandteil der EKD sei, deren gesetzgebende Organe darum die Zuständig­keit hätten, ihm eine Verfassung zu geben. In der Begründung des Entwurfs hieß es zur Mitarbeit der Freikirchen: Die Ausbildung des Hilfswerks als eines Arbeitszweiges der EKD steht der gleichberechtigten Teilnahme der Freikirchen und der Benennung als „das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen in Deutschland“ nicht im Wege.

Die sogenannte „Speyrer Ordnung“ fand aber nicht die erforderliche Billi­gung des Rates der EKD. In einer der zahlreichen Kritiken wurde auch die Regelung der freikirchlichen Beteiligung bemängelt, weil die Gefahr nicht ausgeschlossen sei, „dass das Hilfswerk nicht eine Einrichtung der EKD ist, sondern allmählich sich zu einer Einrichtung der neugegründeten „Christli­chen Arbeitsgemeinschaft“ entwickelt, in der die EKD mit verschiedenen Freikirchen zusammenarbeiten will“. „Die Freikirchen können zwar dem Hilfswerk angeschlossen werden, in welcher Weise das geschieht und ob sie damit in vollem Umfang hinsichtlich der Hilfswerkarbeit den Gliedkirchen der EKD gleichstehen, hängt von der Vereinbarung ab, die bei dem Anschluss getroffen wird. Die EKD kann gar nicht gesetzliche Bestimmungen mit Wir­kungen für die Freikirchen erlassen.“

Schließlich wurde am 13.01.1949 von der Synode der EKD das „Kirchenge­setz zur vorläufigen Ordnung des Hilfswerks der Evangelischen Kirche in Deutschland“ beschlossen, das die Mitarbeit der Freikirchen folgender­maßen regelte (§ 13): „Hilfswerke kirchlicher Gemeinschaften, die dem Weltrat der Kirchen angehören oder angehören können, haben die „Möglichkeit, in eine diakonische Gemeinschaft mit dem Hilfswerk der Evangelischen Kirche in Deutschland einzutreten. Die hierüber getroffenen Verein­barungen bedürfen der Bestätigung durch den Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland. Die diakonische Gemeinschaft mit den Hilfswerken der Freikirchen trägt den Namen „Das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen in Deutschland“. Die Hilfswerke der Freikirchen sind berechtigt, gemeinsam einen Vertreter in den Verwaltungsrat zu entsenden.“ 

Das „Kirchengesetz zur Ordnung des Hilfswerks der Evangelischen Kirche in Deutschland“ vom 5.4.1951 bestimmte dann in § 10: „Hilfswerke kirchli­cher Gemeinschaften, die dem Weltrat der Kirchen angehören oder angehören können, haben die Möglichkeit, in eine diakonische Gemein­schaft mit dem Hilfswerk der Evangelischen Kirche in Deutschland ein­treten. Die hierüber getroffenen Vereinbarungen bedürfen der Zustimmung des Hilfswerk-Ausschusses und der Bestätigung durch den Rat der Evangeli­schen Kirche in Deutschland.“ Die Vertretung der Freikirchen im Verwal­tungsrat und im Hilfswerk-Ausschuss war im neuen Gesetz nicht mehr vorgeschrieben. Auch die Vorschrift, dass die „diakonische Gemeinschaft“ den Namen „Hilfswerk der Evangelischen Kirchen in Deutschland“ führen solle, fehlt. Die Gründe, die für diese Änderungen maßgebend waren, können hier im Einzelnen nicht erörtert werden.

Der Kontakt zwischen Hilfswerk und Freikirchen hatte sich bereits seit der Gründung der Bundesrepublik gelockert; das kommt auch darin zum Aus­druck, dass das Zentralbüro seit Inkrafttreten des neuen Kirchengesetzes am 01.10.1951 nicht mehr wie bisher als „Zentralbüro des Hilfswerks der Evan­gelischen Kirchen in Deutschland“ firmierte und auch in den Jahresberich­ten und im Titel der „Mitteilungen“ das „n“ gestrichen wurde. Die neue „diakonische Gemeinschaft“ hat daran nichts geändert.

5) Als 1957 die Fusion von Innerer Mission und Evangelischem Hilfswerk zum Abschluss kam, wurde für die künftige Zusammenarbeit wiederum die Form der „Diakonischen Arbeitsgemeinschaft“, wie sie seit 1950 zwischen Hilfs­werk und Hilfswerk-Zentralausschuss der Vereinigung Evangelischer Freikirchen bestand, gewählt, obwohl die Ordnung vom 8.3.1957 vorsah, dass „gemäß besonderer mit den Freikirchen zu treffender Vereinbarung“ gewähl­te Vertreter diese unmittelbar in der Diakonischen Konferenz vertreten soll­ten. Schon in der ersten Sitzung der Diakonischen Konferenz am 12.11.1957 wurde mitgeteilt, dass ein solcher Vertrag beschlossen und bereits von den Freikirchen und vom Diakonischen Rat ratifiziert worden sei.

II.

  • Die aus der „Aktenlage“ zu vermutenden mancherlei Probleme und Schwierigkeiten sind die eine Seite. Die im Alltag des Zusammenwirkens und der Begegnung mit eindrucksvollen Persönlichkeiten erlebbaren beglückenden Lernschritte einer immer verlässlicheren und dem gemeinsamen Auftrag primär verpflichteten Dienstgemeinschaft haben jedoch ein ungleich größe­res Gewicht. Ich bekenne offen aus der Erfahrung in den Jahren 1963 - 1984.
  • Die Beratungen, Beschlüsse und der geschwisterliche Austausch über unsere gemeinsame Verantwortung vor Gott und vor der Welt haben in mir mehr Freude an der Kirche Jesu Christi geweckt als viele andere Verpflich­tungen.
  • Das Pro-Kopf-Aufkommen mancher Freikirchen für „Brot für die Welt“ überrundete das der Landeskirchen stets um ein Vielfaches. Das hat mich manchmal ein wenig neidisch gemacht.
  • Die Zusammenarbeit mit den Freikirchen auf dem Gebiet der Volksmissi­on und Evangelisation (Afeva) - nicht zuletzt im gemeinsamen Missionarischen Jahr 1980 - habe ich als ein Wunder Gottes verstanden.
  • Im Bereich Telefonseelsorge, Bahnhofsmission und weiteren seelsorgerli­chen Aufgaben war unser Miteinander beinahe ein Programm.

III.

Drei Jahre vor meinem Ausscheiden aus der aktiven Verantwortung habe ich in einem Vortrag über  „Die gemeinsame Zukunft als unsere Verantwortung“ gesagt:

1.  Das Ringen um die endgültige Gestalt des Diakonischen Werkes hat uns noch näher zusammengebracht.

  • Die im Diakonischen Werk mitarbeitenden Freikirchen sind in der Diakonischen Konferenz und im Diakonischen Rat gleichberechtigt mit der EKD vertreten.
  • Seit vielen Jahren ist jeweils ein FreikirchIer stellvertretender Vorsit­zender der Diakonischen Konferenz. Das Vertrauen ist so fest gewach­sen, dass die „Namensfrage“ keine Erschütterung mehr auslösen kann (Diakonisches Werk der EKD).
  • In der Diakonischen Arbeitsgemeinschaft evangelischer Kirchen in Deutschland wird eine aufrichtige Zusammenarbeit gepflegt, die vor allem auch der Hilfe für die DDR-Kirchen zugute kommt. Der Vorsitz wechselt zwischen einem Vertreter der Freikirchen und dem Präsiden­ten des Diakonischen Werkes. Der Geschäftsführer dieser Diakoni­schen Arbeitsgemeinschaft nimmt wie ein Abteilungsleiter der Hauptgeschäftsstelle an allen Organ-Sitzungen des Werkes teil (Gast-Status).
  • Auch im Internationalen Verband für Innere Mission und Diakonie arbeiten die freikirchlichen Diakoniewerke gleichberechtigt mit.

2. Aber es wäre falsch, auf Lorbeeren auszuruhen. Nicht in allen Regionen sind die Kontakte optimal. Mancher unnötige „Unfall“ (z.B. im „Hand­buch Religiöse Gemeinschaften“) ließe sich vermeiden, wenn man mehr miteinander spräche und einfühlsamer vom anderen her dächte - nicht um fauler Kompromisse willen, an denen niemandem gelegen sein kann, sondern um der gemeinsamen Aufgabe willen, für die uns Gott ein hohes Maß an Gemeinschaft geschenkt hat, das es zu erhalten und zu vertiefen gilt.

Aus: 1957-1997. 40 Jahre Diakonische Arbeitsgemeinschaft evangelischer Kirchen. Hrsg. Diakonische Arbeitsgemeinschaft evangelischer Kirchen. Stuttgart, 1997. Seite 11-20.