Gemeinsame Verantwortung für Spätaussiedler - Aktivitäten für die DDR und Osteuropa

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Von Reiner Klare, Berlin, Geschäftsführer der DAeK 1979 - 1989

Wie beschreibt man etwas, das es nicht mehr gibt? An was könnte man erinnern, damit noch einmal lebendig wird, was war und was in uns ist an Erleb­tem und Erfahrenem im Miteinander einer gemeinsamen Wegstrecke. Es ist nicht einfach, aber deshalb vielleicht einen Versuch wert.

Mein Standort ist schon länger außerhalb der Diakonie. Ich kann also keine Linien ziehen bis heute, mir bleibt die Erinnerung innerhalb der Zeitgrenzen meines Dienstes. An diese Jahre denke ich aber gern zurück. Vielleicht ist es auch nicht schlecht, unverstellt durch Nachwendezeiten den Blick noch ein­mal auf die Zeit zu richten, als wir noch durch Mauer, Stacheldraht und "Eisernen Vorhang" getrennt voneinander lebten, aber doch eine sehr eige­ne, abhängige und intensive Beziehung zueinander hatten. Das galt beson­ders zur DDR. Oder wo sich plötzlich durch die Hilfsprogramme die Tore zu einem Land weit auftaten und Begegnungen und Verbindungen möglich wur­den, an die vorher nicht zu denken war. So wie in Polen.

Zu Beginn meiner Tätigkeit gab ich mir eine schlichte Leitlinie: „Es ist nicht mein Verdienst, dass ich in diesem Teil der Welt lebe sowie es nicht die Schuld der Menschen ist, die in dem Teil der Welt leben, der eine andere, materiell schlechtere Wirtschafts­ordnung hat als meine.“

Dieser Grundgedanke half mir auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben und mich gegenüber denen abzu­grenzen, die immer wieder gern ihre ideologische Brille aufsetzten. Mir gab es auch eine gewisse Unbefan­genheit in der Begegnung mit ganz unterschiedlichen Menschen, die auf ihre Weise versuchten, innerlich und äußerlich in einer Welt zu leben und zu bestehen, die sich in elemen­tarer Weise von meiner unterschied. Dadurch war ich auch frei für meine eigenen Wahrnehmungen und Sin­neseindrücke, mit denen ich mich einließ in diese fremde Welt, die mir aber durch die Begegnungen mit den Schwestern und Brüdern sehr nahe kam und mich bewegte und bestärkte in der Arbeit.

Als erster hauptamtlicher Geschäftsführer der Diakonischen Arbeitsgemein­schaft (DAeK) sah ich einen Schwerpunkt meiner Arbeit im Bereich der Partnerschaftshilfe zu den Freikirchen in der DDR. Der frühzeitige Kontakt zu Pastor Rolf Dammann, Generalsekretär der Baptisten und Vorsitzender der Diakonischen Arbeitsgemeinschaft der evangelischen Freikirchen in der DDR, führte bald zu einer vertrau­ensvollen Zusammenarbeit. In zahlreichen Besuchen und Dienstreisen lernte ich alle Einrichtungen der freikirchlichen Diakonie in der DDR kennen. Durch vielfältige Begegnungen und die vertiefte Zusammenarbeit mit bestimmten Persönlichkeiten der Freikirchen in der DDR bekam ich einen intensiven Einblick in das Leben der Menschen und der Gemeinden in die­sem Staat. In meiner Funktion hier habe ich versucht, davon etwas in Wort und Schrift weiterzugeben. Diesen Teil der Arbeit noch detaillierter zu beschreiben, ist nicht meine Aufgabe und würde auch zu viel Raum einneh­men.

Ich möchte vielmehr von einem Land berichten, das Anfang der achtziger Jahre in besonderer Weise unsere Aufmerksamkeit erregte, von Polen.

Die Nachrichtenlage 1981 war von zweierlei bestimmt. Durch Polen wehte ein Wind der Veränderung. Die Gewerkschaft „Solidarität“ hatte der Regie­rung Veränderungen abgetrotzt, die für ein sozialistisches Land sensationell waren, weil sie das bisherige System infrage stellten. Die Presse war prak­tisch frei. Es wurde über die Einführung der freien Marktwirtschaft gespro­chen. Andererseits war die wirtschaftliche Situation prekär. Es gab nichts zu kaufen: keine Schuhe, keine Kleidung. Selbst Grundnahrungsmittel wurden knapp. Die Beschaffung von Lebensmitteln war eine zeit- und energierau­bende Angelegenheit. Stundenlang musste man in Schlangen warten, um z. B. etwas Fleisch zu bekommen. Wer besonders unter dieser Not litt, waren die Alten, Einsamen, Kranken und Familien mit Kindern. Es wurde zu Spenden aufgerufen und durch den politischen Mut der Polen kam es innerhalb kur­zer Zeit zu einer großen Resonanz Spendenwilliger auf der ganzen Welt, aber in erster Linie in der Bundesrepublik Deutschland. Man schätzt, dass in der „heißen Phase“ der Spendenaktion allein von Privat 300 Mio. DM gespendet worden sind.

Im Dezember 1981 fuhr ich zum ersten Mal nach Polen, um zu erkunden, welche Hilfen nötig waren und wie man sie organisieren sollte. Meine Auftraggeber waren die deutschen Baptisten, die „European-Baptist-Federation“ (EBF), die „Baptist-World-Alliance“ (BWA) und die „Southern-Baptist-Con­vention“ (SBC). Die Abwicklung der Hilfen sollte zusammen mit dem Dia­konischen Werk der EKD geschehen. Es bestand mit Vizepräsident Geißel die Absprache, dass „unsere“ Spendengelder auch anderen Kirchen und staat­lichen, medizinischen und karitativen Einrichtungen zugute kommen soll­ten. Die Verteilung der Lebensmittel sollte so organisiert werden, dass durch die Verteilstellen auch Bedürftige versorgt würden, die nicht unmittelbar zum Umfeld der Kirche gehörten. Die Diakonie wiederum hatte mit den staatlichen Stellen vereinbart, dass die 20-Tonner der staatlichen Transportgesellschaft unentgeltlich die Hilfsgüter transportieren sollten. Dabei ent­stand der merkwürdige Sachverhalt, dass die Staatsbetriebe Polens z.B. Fleisch exportierten, um Devisen zu bekommen und dieselben LKWs mit Lebensmittelpaketen wieder nach Polen zurückfuhren. Das waren die Rahmenbedingungen, hinter denen wir die Hilfe organisieren mussten.

Bei meiner Ankunft in Warschau war herrliches Winterwetter. Heller Sonnenschein und tiefer Schnee, so landete ich in Warschau. Das Flugzeug war fast leer. Wer wollte schon in dieser Zeit nach Polen? Die Brüder der Bap­tistenzentrale empfingen mich. Sie waren freundlich reserviert und wussten zunächst nicht recht, was sie mit dem Besuch aus Deutschland anfangen sollten, denn bisher beschränkte sich der Kontakt nur auf die Delegations­ebene bei internationalen Kirchenversammlungen oder nationalen Synoden. Ich kam schnell zur Sache und sie wollten mir noch an diesem Wochenende eine Liste von Verteilstellen und besonders bedürftigen Personen ausarbeiten, damit ich sie mitnehmen konnte. Außerdem haben sie einen Besuch in Bialystok organisiert, wo sich ein baptistisches Altenheim befindet, das in die Hilfe mit einbezogen werden soll. Es blieb noch Zeit für einen Rundgang durch die Stadt Warschau und die Geschäfte. Es ist deprimierend: Fleischer­läden ohne Waren, leere Bäckerläden. In einem Kaufhaus rangeln viele Men­schen um ein Paar Schuhe, die aus einer Tür herausgereicht werden. Eine Kassiererin sitzt vor einer Kasse, hat aber nichts zu verkaufen. Ich bekomme in diesen zwei Stunden die Notsituation sehr eindrücklich vor Augen geführt. Die frühe Dunkelheit und die Kälte verstärken die gedrückte Stim­mung und die vielen Situationsberichte, die das Gesehene ergänzen, über­zeugen von der Notwendigkeit einer schnellen und effektiven Hilfe. Meine Gesprächspartner sind: Generalsekretär Stankievic, der Warschauer Bapti­stenpastor Adam Piasecki, der Präsident des Baptistenbundes Piotr Dajlud­zionek und der Leiter des Predigerseminars. Sie alle sind sehr engagiert und sorgen sich verantwortungsvoll um das Ergehen ihrer Gemeinden und ihres Volkes. Je nach Temperament nehmen sie Stellung zur politischen Situation in ihrem Land. Alle mit Sympathie für die Gewerkschaft „Solidarität“.

Am anderen Tag fahre ich zusammen mit dem Chor der Baptistengemeinde Warschau nach Bialystok. Der Warschauer Chor will im Sonntagsgottesdienst der dortigen Baptistengemeinde das Programm vortragen, das sie auf einer Konzertreise durch Westdeutschland gesungen hatten. Es wurde ein trauriger Gottesdienst. Denn dieser Sonntag, der 13. Dezember 1981 beginnt mit der Ausrufung des Kriegsrechts. Allstündlich werden die ersten Maß­nahmen bekanntgegeben: Unterbrechung aller Verkehrsverbindungen, kein Benzinverkauf an Privat, Zensur aller Post und aller Telefongespräche. Dieser Gottesdienst, der ein fröhliches Ereignis werden sollte, wird in einer bedrückten, sorgenvollen Stimmung abgehalten. Auch mir ist ein wenig mulmig. Die für alle überraschende Ausrufung des Kriegsrechts löst Ratlo­sigkeit aus. Niemand weiß, was in den nächsten Tagen passieren wird. Ich komme am Montag um Mitternacht in Warschau an. Bruder Stankievic empfängt mich in der Baptistenzentrale. Ein englischer Mitarbeiter der Evan­gelischen Allianz Großbritanniens hat schon von seiner Botschaft einen 10-Punkte-Plan bekommen, wie er sich im Kriegsfall zu verhalten hat. Wir erör­tern die Situation. Meine Warschauer Gastgeber sind sicher, dass der Wind der Veränderung sich nicht drehen wird, obwohl die nächste Zeit schwierig werden wird. Wir bleiben bei unserem Vorhaben der umfassenden Hilfe. Am nächsten Tag kann ich spätabends das Land verlassen. Bevor die Brüder mich zum Bahnhof bringen, fahren sie mich am Mahnmal des Warschauer Ghet­tos vorbei. Es ist ihnen wichtig, dass ich es sehe. Die Geste Willy Brandts, einige Jahre zuvor, ist ihnen unvergesslich. Ich verstehe. Unsere Hilfe wird auch einen politischen versöhnungsstiftenden Charakter tragen.

Danach bin ich noch einige Male in Polen gewesen, auch in den Zeiten des Kriegsrechts. Das Land machte seine Grenzen weit auf für vielfältige Hilfen und für die Mitarbeiter und Partner, die diese Hilfen begleiteten und organi­sierten. Ich bin zweimal mit Amerikanern der SBC unterwegs. Besonders Dr. John David Hopper, der damalige Osteuropamissionar dieser Kirche, ist ein engagierter Freund der Polen und sehr fantasiereich in der Hilfe. Wir planten z.B. gemeinsam ein Projekt, um an einer winzigen Stelle das Wirtschaftsembargo der Amerikaner zu umgehen. Er will versuchen, eine bestimmte Sorte Mais herauszufinden, die auch auf polnischem Boden wächst. Ein baptisti­scher Bauer soll ihn versuchsweise anbauen. Dieser Mais soll an Hühnerfar­men geliefert werden, die landesweit aufgeben mussten, weil sie von ameri­kanischen Futtermittellieferungen abhängig waren. Es gelingt. - Neben den Lebensmittellieferungen schicken wir Medikamente nach Polen und ein Ultraschallgerät in die Uniklinik Bialystok: Es ist das erste dieser Art in einem Einzugsbereich von 1,5 Mio. Einwohnern. Später wird ein junger pol­nischer Arzt in Hamburg für ein Vierteljahr in dieser Diagnostik ausgebildet. In der Woiwodschaft Bialystok steht auch ein Heim für schwerstbehinderte Menschen. Wir versorgen es mit Lebensmitteln und Pflegematerial. Es stellt sich heraus, dass in Bialystok ein Schwerpunkt der Versorgung ist, denn auch die Russisch-Orthodoxe Kirche in Polen, die in Bialystok ihren Bischofssitz hat, wird in die Hilfe einbezogen.

Diese zentral organisierten Hilfsmaßnahmen laufen fast drei Jahre und haben ein Spendenvolumen von ca. 3 Mio. DM. Soweit ich weiß, gab es das vorher und auch danach nicht mehr. Die Zusammenarbeit auf der Geberseite zwischen den einzelnen baptistischen Kirchen und Kirchenzusammenschlüssen und dem Diakonischen Werk verlief ohne Probleme. In Polen hat die Arbeit der protestantischen Kirchen eine hohe Aufmerksamkeit bekommen. Die Unterstützung durch viele Besuche hat die polnischen Gemeinden gestärkt und dauerhafte Partnerbeziehungen wachsen lassen.

Aus: 1957-1997. 40 Jahre Diakonische Arbeitsgemeinschaft evangelischer Kirchen. Hrsg. Diakonische Arbeitsgemeinschaft evangelischer Kirchen. Stuttgart, 1997. Seite 64-68.