Evangelische Brüder-Unität Herrnhuter Brüdergemeine K.d.ö.R.

Postfach 21
02745 Herrnhut


Internet: www.ebu.de

DAeK-Vertreterin: Diakon Volker Krolzik, krolzik(at)ebu.de; Pfarrerin Benigna Carstens, benigna.carstens(at)ebu.de

Die Herrnhuter Brüdergemeine in der Diakonie

Im sogenannten »Grund der Unität«, dem 1957 entstandenen bekenntnisähnlichen Eingangsteil ihrer Kirchenordnung, definiert sich die Brüder-Unität als eine wesenhaft diakonische Kirche. Gleich zu Anfang des weltweit verbindlichen Textes heißt es: »Der Herr Jesus Christus beruft seine Kirche, damit sie ihm hier auf Erden diene.« Es verwundert nicht, dass dieses Dienen im Laufe von mehr als 550 Jahren auf recht unterschiedliche Weise geschah. Zu keiner Zeit war es jedoch beschränkt auf das Liturgische, den Wort-Gottesdienst. Immer ging es hauptsächlich um das Tun, den Gottesdienst im Alltag der Welt. So entstanden im 15. und 16. Jahrhundert in der böhmisch-mährischen Alten Brüder-Unität vorbildliche Ordnungen, mit denen soziale Probleme, wenn nicht von vornherein vermieden, so doch schnell und wirksam gelöst werden konnten. Die Sorge für die Hilfsbedürftigen oblag dabei gleichermaßen den Familien wie den Gemeinden. Deren Leiter organisierten einen planmäßigen Besuchsdienst, um damit ihrer Verantwortung auch für das äußere Wohl der Gemeindeglieder Rechnung zu tragen. Rundreisen und Rundschreiben des sogenannten »Engen Rates«, dem Leitungsgremium der Brüder-Unität, trugen maßgeblich dazu bei, dass die Gemeinden auch in Not- und Verfolgungszeiten intakt blieben und nach außen hin große Anziehungskraft besaßen. Eine Vielzahl von Synodaldekreten behandelte die Frage, wie sich ein Christ in Ehe und Familie, Stand und Beruf, Staat und Gesellschaft, Krieg und Frieden dem Evangelium gemäß zu verhalten habe. Von Martin Luther ist der Satz überliefert: »Wenngleich die Brüder an Reinheit der Lehre uns nicht übertreffen, so doch gar weit durch ihre Disziplin und Kirchenregiment.«

Ein weiterer bedeutender gesellschaftsdiakonischer Beitrag der Alten Brüder-Unität war die an zahlreichen Orten erfolgte Einrichtung von Schulen. In ihnen lernten vor allem Kinder aus unteren Bevölkerungsschichten nicht nur lesen, schreiben und rechnen, sondern sie bekamen darüber hinaus ein für damalige Verhältnisse sehr gründliches Allgemeinwissen vermittelt. Dieses befähigte sie später zu erfolgreicher Berufsarbeit und schützte somit vor Armut. Indirekt trug es zu einer spürbaren Hebung des Wohlstandes im Lande bei. Einigen Schulen war eine Art Kindergarten vorgeschaltet, in dem noch nicht schulfähige Kinder im Falle schlechter häuslicher Verhältnisse besonders gefördert werden konnten. Brüderische Pädagogen, allen voran der spätere Bischof und Universalgelehrte Johann Amos Comenius, leisteten viel für eine Reform des veralteten scholastischen Bildungssystems. Die Geschichte der Alten Brüder-Unität ging im Dreißigjährigen Krieg und im nachfolgenden Zeitalter der Gegenreformation zu Ende. Reste der einst blühenden Kirche sammelten sich ab 1722 unter anderem im sächsischen Herrnhut. Dort entstand unter dem maßgeblichen Einfluss des Grafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf im Jahre 1727 die Erneuerte Brüder-Unität. Diese vereinte Traditionen der Alten Brüder-Unität mit modernen pietistischen Einflüssen. Den aus zahlreichen deutschen Ländern zuziehenden Pietisten war dabei dasselbe diakonische Bewusstsein zu Eigen wie den von Zinzendorf aufgenommenen Exulanten aus Mähren und Böhmen. Beiden ging es um die Bewährung des Glaubens, um die praxis pietatis.

Die Gründung von Anstalten und wohltätigen Stiftungen war dabei im 18. Jahrhundert eher die Ausnahme. Tätige Nächstenliebe geschah in den Brüdergemein-Orten vielmehr in aller Regel mittels einer bis ins kleinste ausgearbeiteten Ämterordnung. Sie und die täglich abgehaltenen Versammlungen und Konferenzen gewährleisteten, dass keiner in der Gemeinde mit einer seelischen oder körperlichen Not aus dem Blick geriet. Im Besonderen wusste man sich an die Armen, die Kinder und die Kranken gewiesen. Für deren angemessene Betreuung wurden Sammlungen veranstaltet und Dienste ein-gerichtet. Wegen des beständigen Zuzugs von außerhalb sowie wegen der häufigen Anwesenheit von Gästen spielte auch die Fürsorge für Fremde eine wichtige Rolle. Von nicht zu unterschätzender Bedeutung für das soziale Klima in den Gemeinden war die noch regelmäßig praktizierte Kirchenzucht. Zu ganz neuartigen Stätten diakonischen Wirkens in den Brüdergemein-Orten entwickelten sich die verschiedenen, zumeist beachtliche Größe erreichenden Chorhäuser (von Franzöisch: corps). Jeweils ein Chorhaus gab es für die Gruppen der ledigen Brüder, der ledigen Schwestern, der Witwen und manchmal auch der Witwer. Die in den Chorhäusern wohnenden und arbeitenden Männer und Frauen bildeten oft über Jahrzehnte hinweg eine auf dem Solidarprinzip beruhende Lebensgemeinschaft, in der jeder neben einer geistlichen auch eine materielle Versorgung erhielt. In den Chorhäusern geschah unter Anleitung von bewährten Chorpflegern gleichermaßen Jugendpflege, Berufsausbildung, Wertschöpfung und Altersfürsorge. Viele in einem Chorhaus ausgebildete Brüder sicherten ihren Lebensunterhalt später als hochqualifizierte Handwerker. Anfang des 19. Jahrhunderts leerten sich die Chorhäuser aus verschiedenen Gründen mehr und mehr. Damit war Gelegenheit zur Intensivierung des traditionellen Dienstes der Brüdergemeine an den Kindern. Fast überall entstanden nach und nach Schulen und Internate für Jungen und Mädchen. Die meisten blühten rasch auf und erfreuten sich regen Zuspruchs von nah und fern. Außerdem existierten von Anfang an Bildungseinrichtungen für den eigenen theologischen Nachwuchs sowie für die Kinder, der in der ganzen Welt dienenden Missionare. Bald platzten die alten Chorhäuser aus allen Nähten, weshalb sie an vielen Stellen durch Neubauten abgelöst bzw. ergänzt werden mussten. Vor allem in kleineren Gemeinorten stellte das Bildungs- und Erziehungswerk einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor dar. Es sicherte Arbeitsplätze und geregelte Einkünfte innerhalb und außerhalb der Brüdergemeine. Der Mitte des 19. Jahrhunderts vom Wittenberger Kirchentag ausgehende, ganz Deutschland durcheilende Ruf zu kirchlicher Sozialarbeit blieb auch in der Brüder-Unität nicht ungehört. Im Jahre 1865 entstand das noch heute existierende brüderische Diakonissenwerk EMMAUS mit einem breit gefächerten stationären und ambulanten Hilfeangebot. Den sozialen Herausforderungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sowie Anfang des 20. Jahrhunderts begegnete man mancherorts mit neuen gemeindlichen Initiativen. Zumeist in den Städten entstanden Vereine zur Armenpflege, Herbergen zur Heimat sowie Häuser für gesellschaftliche Randgruppen.

Als nach dem Zweiten Weltkrieg der moderne Sozialstaat seine Ausprägung erhielt, beteiligte sich die Brüdergemeine mit dem Aufbau von Alten- und Pflegeheimen, Behinderteneinrichtungen, Kindergärten und Gästehäusern. Die schon bestehenden diakonischen Aktivitäten wurden teils unter veränderten Rahmenbedingungen fortgesetzt und weiterentwickelt. Lediglich das Schulwerk büßte infolge des Verlustes der großen schlesischen Gemeinden an Bedeutung ein. Im Osten Deutschlands war die Ausweitung der Anstalts-Diakonie, speziell die Arbeit mit alten und geistig behinderten Menschen, die einzige Möglichkeit zur Erhaltung und Weiternutzung der vorhandenen großen Gebäude, nachdem die DDR-Regierung sämtliche kirchlich getragenen allgemeinbildenden Schulen verboten hatte. Etwas Neues stellten die an manchen Orten eingerichteten Tagungs- und Rüstzeitheime dar, die einen wichtigen Beitrag zum Gemeindeaufbau im Sozialismus leisteten. Die friedliche Revolution von 1989 / 90 eröffnete für die diakonischen Einrichtungen im Osten dank großzügiger Förderung die Möglichkeit, den Instandhaltungs- und Modernisierungsstau aus den vorangegangenen 40 Jahren abzubauen. Sie nötigte darüber hinaus, verstärkt durch die Krise des Sozialstaates, im Osten wie im Westen zu einer deutlichen Profilierung der jeweiligen Angebote und Dienstleistungen. Insgesamt nahm der Umfang der Arbeit durch die Übernahme von Einrichtungen in die Trägerschaft der Brüder-Unität zu.

Johannes Welschen, Mitglied der Kirchenleitung
Johannes Welschen, Mitglied der Kirchenleitung

Im nunmehr vereinten Deutschland betreibt die Brüdergemeine an fünf Standorten mehrere Schulen, teilweise mit Internaten. Daneben ist sie in acht Bundesländern Träger einer Vielzahl sozialer Einrichtungen und Dienstleistungen überwiegend in den Bereichen Krankenhilfe, Altenhilfe, Jugendhilfe, Behindertenhilfe, Rehabilitation und Beherbergung. Ihre Einrichtungen sind im Normalfall Mitglied in den Diakonischen Werken der jeweiligen Landeskirchen. Ein Krankenhaus befindet sich in Niesky (Oberlausitz). Altenpflegeheime gibt es in Saalburg-Ebersdorf, Gnadau (bei Magdeburg), Herrnhut, Bautzen-Kleinwelka, Neuwied, Niesky und Königsfeld (Schwarzwald). Kindergärten und Kindertagesstätten bestehen in Berlin, Ebersdorf, Gnadau, Herrnhut, Neudietendorf (bei Erfurt), Neugnadenfeld (Emsland), Neuwied und Königsfeld. Wohnheime und eine Förderschule für geistig Behinderte gibt es in Herrnhut und Hohburg (bei Wurzen). Gäste- und Ferienheime sowie Tagungsstätten sind in Saalburg-Ebersdorf, Gnadau, Herrnhaag (bei Büdingen), Herrnhut, Neugnadenfeld und Königsfeld. Schulen und Berufsschulen, teilweise mit Internaten, gibt es in Amsterdam (Niederlande), Bautzen, Herrnhut, Niesky, Königsfeld, Tossens (bei Butjadingen) und Zeist (Niederlande).